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Die Legende der Nathril
von Schattenjägern, Wächtern und Gardisten

Die Schattenjägerin

22. Nubris 1113 SZ
Heute 

Willkommen auf Saevia im Zeitalter des Schattens!

Bist du bereit, Zeuge einer wahrhaft epischen Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verrat zu werden? Und natürlich steht dabei nichts Geringeres als das Schicksal dieser Welt auf dem Spiel!

Also lehn dich zurück und genieß die Show!

Vin­cent

Es war ein beschissen heißer Tag. Nicht, dass es in Aridia jemals kalt war, schließlich lag die Siedlung mitten in der Wüste. Vin­cent lehnte an der schat­tigen Mauer eines bescheidenen Wachturms. Wobei Turm der falsche Begriff war, immerhin war das Bau­werk kaum drei Meter hoch und diente nicht nur als einfacher Aussichtspunkt, sondern auch als Kon­troll­sta­tion für Reisende und Handeltreibende.

Allerdings ver­irrten sich Erstere nie, wirklich nie, hierher und die meisten Händler bevorzugten den See­weg gegenüber der mühseligen Route durch die Dünen. Klar, die salzige Brise des Meeres hätte Vin­cent auch sofort gegen die sengende Hitze ge­tauscht. Er seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Stillgestanden!“, blaffte plötzlich eine Stim­me, doch Vin­cent dachte nicht daran, Haltung anzunehmen und blieb lässig, mit vor der Brust ver­schränkten Ar­men, am Turm angelehnt.

Eine Hand schlug ihm auf die Schulter und warm­braune Au­gen­ blickten ihm aus einem schel­misch grin­senden Ge­sicht­ ent­ge­gen. Alex­an­der war fast einen Kopf größer als Vin­cent und hielt sich be­dau­er­lich­er­we­ise für lustig. Vin­cents Lippen zuckten.

„Bringt man dich ei­gent­lich nie aus der Ruhe?“, fragte Alex­an­der und fuhr sich durch den blonden Schopf.

„Nicht beim 366. Versuch.“

„Das hab ich nicht jeden Tag gemacht.“

„Aber fast.“

Alex­an­der hob entschuldigend die Schultern und Vin­cent gab dem drängenden Zucken seiner Ge­sichts­mus­keln nach und schenkte seinem Freund ein schiefes Lächeln. Dieser Scherz war ihm be­reits beim ersten Versuch misslungen, dennoch wusste Vin­cent es zu schätzen, dass Alex­an­der sein Bestes gab, um Abwechslung in die tägliche Tristesse zu bringen.

„Dreihundertsechsundsechzig Tage“, wiederholte Vin­cent noch einmal langsam und kostete jede Silbe aus. Endlich war das Jahr vorbei.

„Die letzten Stunden werden jetzt noch mal zäh wie Sandwurmspeck“, warf Alex­an­der ein, ehe er die Lei­ter hochkletterte, um seinen Posten auf dem Aus­guck wieder einzunehmen. Oben ange­kom­men, re­vi­dier­te er seine eben getätigte Aussage jedoch wieder: „Vielleicht auch nicht!“

Vin­cent hob den Kopf und ließ seinen Blick über den Horizont schweifen. Am Kamm der näch­sten Düne entdeckte er tatsächlich eine Gruppe kleiner brauner Punkte, welche gemächlich über den Sand auf Aridia zukrochen.

„Das dauert noch ewig“, murrte er.

„Trotzdem. Stell dir vor, da ist eine süße Hän­dler­toch­ter dabei? Das wär doch was.“ Alex­an­ders Stim­me war jetzt gedämpft, doch immer noch laut genug, um ihn zu ver­stehen.

Ein Glucksen entkam Vin­cent. Er kannte seinen Freund lange genug, um zu wissen, dass Alex­an­der, ganz im Gegensatz zu Vin­cent selbst, nie eine Frau nehmen würde, die ihm nichts bedeu­te­te. Allerdings hatte auch Vin­cent sich im ver­gangenen Jahr brav zurückgehalten. Aridia war schließlich ein winziges Wüstenkaff, in dem jeder jeden kannte. Und als wäre das nicht genug, hatten die Calidri ein ausgeprägtes Ehrgefühl, und auf Prügeleien oder gar Auf­ent­halts­ver­län­ger­un­gen konnte er wirklich ver­zichten.

Vielleicht hatte Alex­an­der deshalb beschlossen, ihn auf jede sich bietende Gelegenheit hinzuweisen. Wobei auf Vin­cent das Klischee des Frauenhelden, der sich stets auf der Jagd nach dem näch­sten Rock befand, nun wirklich nicht zutraf. Aber wenn sich eine Gelegenheit ergab, war er auch nicht abgeneigt. Also blieb ihm, im Namen ihrer Freund­schaft, nichts anderes übrig, als Alex­an­ders Sprüche hinzunehmen. Vin­cents Lächeln wurde eine Spur breiter. Eigentlich war es mit Alex­an­der immer lustig.

Die feinen Härchen in Vin­cents Nacken richteten sich kerzenge­ra­de auf, als eine Kälte, die es hier ei­gent­lich nicht geben dürfte, nach ihm griff. Einer düsteren Vorahnung folgend, lenkte er seine Auf­merksamkeit zurück zur Düne. Eine Welle aus Dunkelheit schwappte über den Kamm und die Karawane stürmte den Hang hinunter. Eines der Tiere stürzte und wurde mitsamt Reiter von der herabdonnernden Walze, bestehend aus schwar­zen Leibern, ver­schlungen.

„Krie­cher.“ Kaum hatte Vin­cent seinen Gedan­ken ausgesprochen, blies Alex­an­der in das Signalhorn. Der schrille Ton hallte durch die Luft und umgehend antworteten fünf weitere Hörner mit ebenso mar­kan­ten Signalen.

Vin­cent streifte sich den aus schwar­zem Stahl gefertigten Helm über. Sein Sichtfeld war nun stark eingeschränkt und er zweifelte daran, ob der Kopf­schutz ihm wirklich im Kampf gegen die Krie­cher helfen würde.

Doch das schmucklose Stück Metall, mit der schma­len Aussparung auf Höhe seiner Au­gen­, gehörte nun mal zur Kampfrüstung der Garde, und um die Krie­cher zu bekämpfen, hatte er sich ver­pflichtet.

Nun gut, nicht nur um die Krie­cher zu bekämpfen. Vor seinem inneren Auge blitzte eine karge Land­schaft auf: Übersät mit Leichen. Tatsächlich hatte er viel größere Ziele. Er stieß die mahnende Erinnerung von sich und fokussierte sich auf die Gegenwart.

Es war Bewegung in den ver­schlafenen Ort ge­kom­men. Fünfzig Gar­disten waren in Aridia stationiert, was etwa einem Achtel der Einwohner entsprach. Im näheren Um­land gab es zwölf weitere Siedlungen mit ähnlicher Größe und Struktur. Sie alle lagen an der südlichen Grenze der ver­einten Reiche von Pur­tra, wo der Schutz ihrer Göttin schwand und die Krie­cher sich zu großen Horden zu­sam­men­schlos­sen. Innerhalb weniger Herz­schlä­ge konnten Heere dieser dämonischen Kreaturen ganze Siedlungen aus­lö­schen, was der Grund für die hohe Zahl an Gar­disten im kaum besiedelten Wüstengebiet war.

Die gerüsteten Männer und Frauen hatten sich formiert und an ihrer Spitze schritt ein hoch­ge­wachs­en­er Mann, gekleidet in eine ebenso schwar­ze Rüs­tung wie Vin­cent und Alex­an­der.

Doch im Gegensatz zur schlicht gehaltenen Rüs­tung einfacher Soldaten prangte auf seiner Brust das Emblem der Göttin: Eine silbern glänzende Linie in Form einer nach oben ver­längerten Raute. Dieses Symbol kennzeichnete Gunther Sieg­wald nicht nur als ihren direkten Befehlshaber, sondern auch als ranghöchsten Offizier des siebten Regiments.

Auf­ Gunthers Befehl brachten sich die Truppen im Süden, vor der Aridia umschließenden Mauer aus Lehm und Sandstein, in Position. Bevor sich ihre Reihen endgültig schlossen, stürmten die ver­blie­ben­en Nomaden schutzsuchend an ihnen vorbei. Das schwere Tor aus gebleichtem Holz wurde ver­riegelt und Gunther brüllte den Befehl: „Schießt!“

Das Surren der Armbrustbolzen ließ die Luft vi­brie­ren. Wie Hagel stürzten die Ge­schosse auf die Krie­cher und schlugen Löcher in ihre Reihen. „Haltet stand!“, rief ihr Offizier und die Gar­disten hoben die Schilde. Einer brandenden Welle gleich, krachten die Kreaturen auf den Wall und im näch­sten Mo­ment hieß Vin­cents Schwert den Feind willkommen.

Der Lärm der Schlacht und das Adrenalin in seinen Adern beflügelten seine Hiebe und binnen weniger Minuten hatte er be­reits drei niedere Kreaturen ge­tö­tet.

Mit einem Seitenblick ver­sicherte er sich, dass auch sein bester Freund dem Ansturm gewachsen war. Eine unnötige Geste, denn auch zu Alex­an­ders Füßen türmten sich die schwar­zen Leiber. Dennoch blieb der Angriff ungebrochen und als die näch­ste bucklige Bestie zu seinen Füßen in den Staub sank, richtete sich ein mannshohes Ungetüm vor ihm auf. Seine vier, mit dolchartigen Klauen besetzten Arme schnellten auf Vin­cent zu, welcher den Schild im letzten Mo­ment hochriss. Immer wieder schlug die Kreatur zu und jeder Auf­prall ver­beulte das Metall.

Vin­cent keuchte und schmeckte Schweiß auf seinen Lippen. Er stemmte sein ganzes Gewicht gegen den Schild, um nicht von den Füßen gerissen zu werden.

Plötzlich blie­ben­ die Schläge aus und die Klauen der Kreatur kratzten über das Metall, umgriffen die Kan­ten des Schildes, und ehe Vin­cent reagieren konnte, riss die Bestie es aus seinen Händen.

Im hohen Bogen flog der Schild davon, dabei prä­sen­tier­te der Krie­cher ihm den ungeschützten Torso. Vin­cents freigewordene Hand schnellte zum Schwert­griff und ehe die Kreatur zum näch­sten Schlag ausholen konnte, trieb er ihr die Klinge mitten durch die Brust.

Das Monster sackte keuchend auf die Knie. Vin­cent stemmte ein Bein gegen die Schulter des Ge­schöpf­es und riss sein Schwert aus des­sen Leib, wobei ihm eine Fontäne pechartigen Blutes ent­ge­gen­spritz­te und ihn von Kopf bis Fuß besudelte. Die dämonisch glühenden Au­gen­ erloschen und mit einem leidenden Zischen kippte das Wesen nach hinten.

Vin­cent wollte sich in die Reihen seiner Verbündeten zurückziehen, als ein lähmender Schmerz durch sein rechtes Bein zuckte und er umgerissen wurde. Ein niederer, wolfs­ar­ti­ger Krie­cher hatte sich in seinem Beinschutz ver­bissen und zerrte ihn aus der For­ma­tion, direkt auf das Getümmel der schwar­zen Leiber zu. Mit seinem freien Bein trat Vin­cent mehrmals gegen den Kopf der Bestie, bis diese ihn wieder losließ. Die leeren, rotglühenden Au­gen­höhlen der Kreatur fixierten ihn und schäumender Geifer tropfte aus ihrem Maul, als sie zum Sprung ansetzte.

Vin­cent rollte zur Seite und schoss in die Höhe. Doch als er auf seinem rechten Bein lan­de­te, knickte es ein, und er stürzte zurück in den Sand. „Scheiße“, entfuhr es ihm, als er begriff, dass er kein Gefühl im rechten Bein hatte.

Der Krie­cher beugte die Läufe und warf sich mit einem mächtigen Satz auf Vin­cent. Im letzten Mo­ment riss er sein Schwert hoch und die Klinge drang in den Schlund der Bestie. Der Geruch von Fäulnis schlug ihm ins Ge­sicht­, als die Kreatur erschlaffte und auf ihm zu­sam­men­brach. Mühsam schob er das Scheusal von sich und machte sich daran, sein Schwert aus dem Schädel des Krie­chers zu hebeln. In diesem Mo­ment stürzte sich ein weiteres wolfs­ar­ti­ges Untier auf ihn. Reflexartig riss Vin­cent die Hände hoch, wohlwissend, dass die Panzerung der Kreatur nicht auf Dauer standhalten würde und dies sein Ende sein könnte.

Doch der Krie­cher erschlaffte mitten im Sprung und stürzte vor ihm in den Sand. Ein Griff aus durch­schei­nen­dem Adthril ragte aus dem Nacken der Kreatur. Ein maskierter Krieger in schwar­zer Le­der­rüs­tung zog den Dolch heraus. Nur seine Au­gen­partie war sichtbar, und ein Schauer lief über Vin­cents Haut, als er rote Iriden erkannte: Luminari.

Kurz trafen sich ihre Blicke, ehe der Krieger in einer fließenden Bewegung herumwirbelte und den Dolch einem weiteren Wolfsartigen ent­ge­gen­schleuderte. Wie ein heißes Messer durch Butter, bohrte sich die Klinge zwischen die glühenden Au­gen­höhlen bis zum Anschlag in den Schädel der Kreatur.

Gerüstete Arme schoben sich unter Vin­cents Ach­seln, griffen um seine Brust und schleiften ihn hinter die Formation der Gar­disten. Ein Hüne ging vor ihm auf die Knie und klopfte Vin­cent auf den Helm. „Alles in Ordnung?“

Obwohl Vin­cent nur die Au­gen­partie des Kriegers sehen konnte, erkannte er Alex­an­der sofort.

„Mein Bein …“, stöhnte Vin­cent und löste die Riemen des Beinschutzes, in dem sich die Fänge des Krie­chers deutlich abzeichneten. Doch das Metall war dermaßen ver­zogen, dass er es nicht abstreifen konnte. Alex­an­der erkannte seine Not und bog die Kan­ten des Rüs­tungsteils auseinander.

Kribbelnd kehrte sein Gefühl zusammen mit einem stechenden Schmerz zurück. Vin­cent streifte die Ho­se hoch, um einen Blick auf seine Wade zu werfen. So ein Mist.

Sein Fleisch war geschwollen und die Haut mit einem gigantischen Bluterguss überzogen. Hoff­ent­lich war nichts gebrochen, aber das würde er erst herausfinden, wenn er es belastete. Er drückte also seine Sohlen in den Sand und stemmte sich hoch. Sein Bein pulsierte vor Schmerz, doch es hielt der Belastung stand.

„Kreist sie ein!“, schallte Gunthers Stim­me über den ver­klingenden Schlachtlärm hinweg. Die Gar­disten sprengten auseinander, kesselten die ver­blie­ben­en Monster ein und machten kurzen Prozess mit ihnen. Klinge um Klinge bohrte sich in schwar­ze Leiber, bis auch die letzte Kreatur reglos liegen blieb. Die Schlacht war gewonnen, und nur das Stöhnen der Verwundeten durchbrach die wiederkehrende Stille.

„Die Verletzten ins Lazarett! Die Toten auf den Platz!“, befahl Gunther, und die Gar­disten zer­streu­ten sich, um seinen Befehlen Folge zu leisten. Das Tor nach Aridia wurde geöffnet, und zwei Hand­kar­ren herausgezogen. Vin­cents Blick glitt über das Schlachtfeld. Der Preis für den Sieg war hoch ge­we­sen: Etwa ein Viertel der in Aridia stationierten Gar­disten war tot, und ein weiteres Viertel ver­letzt. Teilweise so schwer, dass sie nie wieder kämpfen könn­ten, wenn sie die Nacht überhaupt überlebten. Im ganzen ver­gangenen Jahr hatte er kein der­ar­ti­ges Gemetzel erlebt.

Inmitten des Schlachtfeldes kniete der Krieger, welchem Vin­cent sein Leben ver­dankte, über einem toten Krie­cher. Von den ersten Kadaver­n tropfte be­reits schwar­zes Pech. Bald würde nur noch der vom schwar­zen Krie­cherblut getränkte Sand an den Angriff erinnern und binnen weniger Wochen wäre auch diese Spur ver­blasst, als hätte es diese Wesen nie gegeben.

„Wo kommt der denn her?“, murmelte Alex­an­der und deu­te­te zum Unbekannten.

„Der …“ Jetzt erst bemerkte Vin­cent die sand­uhr­för­mi­ge Statur des Kriegers. „… ist eine Die.“

„Eine Schat­ten­jä­gerin!“, stellte Alex­an­der ver­blüfft fest.

Keiner von ihnen hatte je einen leibhaftigen Schat­ten­jä­ger gesehen, doch es kursierten einige Le­gen­den über die geheimnisvollen Krieger der Luminari. Die Quintessenz dieses Halbwissens lautete, dass sie regelmäßig das Blut der Krie­cher in nächtlichen Zeremonien tran­ken, wodurch sie übermenschliche Kräfte erhielten. Dies forderte jedoch einen schreck­lich­en Tribut: Sie wurden selbst zu Kreaturen der Finsternis. Im Laufe der Jahre ver­loren sie Stück für Stück ihren Verstand. Doch ehe sie sich in meu­cheln­de Monster ver­wandelten, wurden sie von den nachrückenden Schat­ten­jä­gern in einem fei­er­lich­en Ritual ge­tö­tet.

Eigentlich hatte Vin­cent diese Ge­schichten als Mär­chen eingestuft. Doch als er sah, wie die Un­be­kann­te ihren Dolch an einer kleinen Phiole abstreifte, er­schau­der­te er.

„Wir sollten bei den Auf­räumarbeiten helfen“, sagte er schließlich und nickte in Richtung der Gar­disten, welche die Verwundeten auf einen der Karren luden und ihn anschließend durch das große Tor Richtung Lazarett zogen. Blieben noch die Gefallenen.

Von Krie­chern Getötete wurden nicht zu ih­res­glei­chen, dennoch gebot ihr Glaube, die Seelen mit einer Andacht zu besänftigen und ihre Körper zu ver­brennen.

Als Vin­cent vor der ver­stümmelten Leiche eines Gar­disten in die Knie ging, rebellierte sein Magen, doch er schaffte es, die aufsteigende Galle wieder hi­nun­ter­zu­schlucken.

Die Gelenke des Toten waren in einem unmöglichen Winkel geknickt und anstatt des linken Beines ragte ein blutender Stumpf aus der Rüs­tung.

Es war ausgeschlossen, dass er ihn nicht kannte, doch der Helm ver­barg die Identität des Toten zuver­lässig und Vin­cent überkam der Verdacht, dass dies sein ei­gent­licher Zweck war.

„Alles … in Ordnung?“, erklang eine sanfte Stim­me und riss Vin­cent aus seinen Gedan­ken. Die Be­to­nung der Worte klang falsch. Ein wenig, als würde sie singen.

„Ja, ich …“, begann Vin­cent, ver­stummte aber, als er aufsah.

Die Maske der Schat­ten­jä­gerin lag wie ein enger Schal um ihren Hals und gab Vin­cent den Blick auf ihr Ge­sicht­ frei. Ein selt­sam­es Gefühl von Ver­traut­heit durchzuckte ihn und er ver­lor sich in ihren rubinrot funkelnden Au­gen­.

Spielte sein Gehirn ihm etwa einen Streich?

Sie legte den Kopf schief und Vin­cent realisierte, dass er sie zu lange angestarrt hatte. Betreten wandte er sich wieder dem Toten zu. Die Luminari ging neben ihm in die Hocke, legte dem gefallenen Gar­disten eine Hand auf die Brust und schloss die Au­gen­.

In der melodiösen Sprache der Luminari flüsterte sie: „Luminatis tua serenitas inveniat.“ Einen Mo­ment ver­harrte sie regungslos, ehe sie sich wieder Vin­cent zuwandte und seinen Blick suchte. „Wann gedenkt ihr eurer Toten?“

Vin­cent öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Verdammt! Was war los mit ihm?

„Die Andacht findet am Abend statt, kurz nach Sonnen­unter­gang“, ertönte die Stim­me des Offiziers hinter ihnen.

Vin­cent fühlte sich ertappt, als er zu ihm aufsah. Gunther hatte seinen Helm abgenommen und deu­te­te mit dem Kopf eine leichte Verbeugung an, ehe er weitersprach: „Im Namen der Göttin danke ich Euch für Eure Unterstützung. Es wäre uns eine Ehre, würdet Ihr der Andacht beiwohnen.“

Die Luminari erhob sich und erwiderte die Geste. „Die Ehre ist ganz meinerseits.“

„Soldat Tenere, macht eine Pause“, sagte Gunther und legte eine Hand auf Vin­cents Schulter.

Wie kam es ei­gent­lich, dass der Offizier all seine Gar­disten trotz des Helmes zuver­lässig erkannte? Dieses beunruhigende Talent hatte er schon öfter zur Schau gestellt.

Vin­cent sprang auf und salutierte. „Vielen Dank, Sir. Aber es geht schon wieder!“ Da war sie ja, seine Stim­me. Dieses unnütze Ding.

Gunther nickte. „Und nehmt den ver­dammten Helm ab, sonst erleidet Ihr noch einen Hitzschlag!“ Dann wandte sich der Offizier wieder der Schat­ten­jä­gerin zu und sprach mit den Worten der Luminari: „Thra me lyrin.“

„Ta“, erwiderte die Schat­ten­jä­gerin, schenkte Vin­cent noch ein Lächeln und folgte dem Offizier in die Stadt.

Vin­cent sah ihr eine Sekunde nach, dann griff er nach seinem Helm und streifte ihn ab. Das schweiß­nasse Haar klebte an seiner Stirn. Er befestigte den Helm am Hüftgürtel und beugte sich erneut zum Gefallenen, umfasste seine Brust und zerrte ihn zum ver­blie­ben­en Karren.

Sein ver­letztes Bein pochte dumpf, doch er igno­rier­te den Schmerz. Später würde er das ver­dammte Schlachtfeld noch nach seinem Schwert und Schild absuchen müssen.

Lu­sci­ni­a

„Was führt Euch nach Aridia?“, frag­te der Gar­dist, welcher die Schat­ten­jä­gerin gebeten hatte, ihn zu be­glei­ten. Lu­sci­ni­a hatte nicht damit gerechnet, dass ein Pur­traier die Worte ihrer Heimat derart sorgsam zu formen wusste und ihr wurde klar, wie sehr sie es ver­misst hatte, Luminarisca zu sprechen.

„Ich bin auf der Durchreise“, wich sie der Frage aus.

Der Gar­dist runzelte die Stirn. Seine Haut war von der Sonne ledrig gegerbt und feine Narben ließen ein langes Kriegerleben erahnen.

Ihr Blick fiel auf das Emblem der purtraischen Göttin, welches sich in einer silbernen Linie über den Brustharnisch des Kriegers zog. Nicht, dass sie bisher viele Gar­disten getroffen hatte, doch seine Rüs­tung war in dieser Hinsicht einzigartig.

„Nicht viele Luminari bereisen das Fest­land. Be­son­ders keine Schat­ten­jä­ger.“ Sein Blick bohrte sich in ihren und Lu­sci­ni­a reckte das Kinn provokant nach oben. Er hatte recht. Ein Schat­ten­jä­ger ver­ließ Luminara nicht. Ihre Pflicht war es, Anima zu jagen und zu töten.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, zischte sie. Argwohn schärfte ihre Sinne und jeder noch so kleine Muskel spannte sich an. Würde er sie gefangen nehmen? Sie zurück nach Luminara schicken? Niemals würde sie kampflos aufgeben!

Die moosgrünen Au­gen­ des Gar­disten richteten sich wieder auf die Straße. Er wirkte vollkommen ent­spannt und nichts legte den Verdacht nahe, dass er sie angreifen würde.

„Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten der Luminari ein. Ich war lediglich neugierig“, relativierte er seine Aussage.

Die Anspannung fiel von ihr ab und Lu­sci­ni­a lockerte die Schultern. Sie war nicht in Luminara. Die Treue der Menschen galt nicht der Königin. Sie war nicht in Gefahr.

Lu­sci­ni­a betrachtete die einfachen, aus Lehmziegeln gebauten Häuser, welche sich einem Spalier gleich an die breite Straße aus festgetrampeltem Staub drängten. Ab und an saß jemand unter den aus ver­blichenem Holz gezimmerten Vordächern im Schatten. Blauer Rauch stieg von einer kunstvoll gefertigten Pfeife auf, bis ein Mann kräftig am Mundstück saugte. Er legte den Kopf in den Nacken und blies Ringe in die Luft.

Eine Handvoll Kinder jagte einen aus braunem Le­der geschnürten Ball an ihr vorbei. Fröhliches Lachen erfüllte die Atmosphäre. Es wirkte, als hätte es keine Schlacht gegeben, was Lu­sci­ni­a nicht weiter ver­wunderte. Für die Menschen in Calidara mussten die Überfälle der Anima zum alltäglichen Leben gehören. Genau wie für die Luminari.

Die Einheimischen trugen einfache, zweckmäßige Kleidung aus luftigen Stoffen, um ihre Körper vor Wind und Sonne zu schützen. Ocker, Sand und dunkles Olivgrün dominierten die Farbwahl.

Ein kleiner, rundlicher Mann, gekleidet in eine schwar­ze Robe, eilte ihnen ent­ge­gen. Im Arm trug er ein dickes Buch, auf des­sen ebenso schwar­zem Einband das silberne Emblem der Göttin prangte. Auch um seinen Hals hing das Zeichen an einer feingliedrigen, silbernen Kette. Eindeutig ein Pries­ter.

„Oberster Offizier Sieg­wald!“ Hektisch begrüßte der Geistliche den Gar­disten. „Ein Glück, dass ich Euch gefunden habe!“

Überrascht musterte Lu­sci­ni­a den Krieger. Sieg­wald? Etwa der Gunther Sieg­wald? Der Mann war eine lebende Legende. Jedes Kind kannte seine Ge­schichte, welche sich vor rund zwei Jahrzehnten zugetragen hatte: Sieg­wald führte als General eine gewaltige purtraische Streitmacht gegen Luminara. Drei Tage tobte die Schlacht auf der Vida Mira – einer tausend Meter langen und zwanzig Meter breiten Brücke, welche den Wüstenstaat Calidara mit der Insel Luminara seit über tausend Jahren ver­band.

Dann erhob sich der Schat­ten – Lumithrildevrath – aus dem Meer. Zuerst meinten die Pur­traier, ihre Göttin habe die Geißel geschickt, um die Luminari endlich zu unterwerfen. Doch ent­ge­gen ihrer Er­war­tung, hauchten hunderte Gar­disten ihr Leben aus.

Als wäre dieses Ereignis nicht schockierend genug, ver­wandelten sich die Toten in Anima und fielen ihren einstigen Verbündeten in den Rücken.

Abgeschnitten vom Fest­land und umringt von Fein­den, erkannte Sieg­wald, dass dies eine Prüfung der Göttin sein musste. Sieg­wald ver­bündete sich mit den Luminari und gemeinsam gelang es ihnen, die dämonische Armee zu ver­nichten. Der General kam zu dem Schluss, dass die Göttin Frieden mit den Luminari wünschte, für welchen er sich beim obersten Kleriker einsetzte.

Jahrhunderte, geprägt von Hass und Feindschaft, abgelöst durch einen, zugegeben, misstrauisch auf­ge­nom­men­en, aber stabilen Frieden.

„Was gibt es zu bereden, Eure Eminenz?“ Gunthers Kiefermuskulatur zuckte.

„Ich benötige dringend zusätzliche Gar­disten, um …“, begann der Geistliche, stockte aber, als sein Blick Lu­sci­ni­a streifte. „Luminari …“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Der Name ihres Volkes klang aus seinem Mund wie eine ansteckende Krankheit, was nicht weiter ver­wunderlich war, denn laut den exitianischen Lehren galt es, alle Heiden zu bekehren oder zu ver­nichten, um die Prüfung ihrer Göttin zu bestehen. Friedliche Koexistenz stand also nicht ge­ra­de an oberster Stelle. Lu­sci­ni­a war sich sicher, dass ihr aktuelles Bündnis nur bestehen bliebe, bis alle anderen Völker von der Bildfläche gelöscht oder unterworfen waren. Was bedeu­te­te, dass Luminara ver­mutlich noch ein, zwei Jahrhunderte in Frieden vor sich hin existieren konnte. Vorausgesetzt, Lumithrildevrath setzte dem nicht vorzeitig ein Ende.

Ein Stich fuhr durch Lu­sci­ni­as Herz, doch sie ver­drängte das Gefühl von Scham und Schuld.

Der Offizier hob missbilligend eine Au­gen­brau­e und das Ge­sicht­ des Geistlichen ver­zerrte sich zu einer scheinheilig lächelnden Maske. „Wie ich sehe, habt Ihr eine Begleitung?“, säuselte er. Seine Stim­me hatte mindestens eine Oktave an Höhe gewonnen.

„In der Tat“, bestätigte Gunther mit einem wohl­wol­len­den Nicken. Die laienhaft ver­borgene Missgunst des Pries­ters beachtete er nicht weiter. „Dank …“ Er stockte. „Verzeiht, ich habe Euch noch nicht nach Euren Namen gefragt.“

Für einen Au­gen­blick musterte Lu­sci­ni­a die beiden Männer. Der Offizier wirkte aufrichtig interessiert, während der Pries­ter weiterhin dieses schreckliche Grin­sen zur Schau stellte.

Es war also soweit. Drei Wochen hatte sie die Wahl eines Namens vor sich hergeschoben und nun reich­te ein Wimpernschlag, um eine Entscheidung zu treffen.

„Luna Caelia“, sagte sie und ergänzte mit den Wor­ten ihrer Heimat: „Ihr werdet gebraucht. Wir sehen uns gewiss bei der Andacht.“

Lu­sci­ni­a setzte ein besonders freundliches Lächeln auf, deu­te­te eine Verbeugung an und schritt er­ho­ben­en Hauptes an ihnen vorbei. Der Pries­ter schnappte entsetzt nach Luft, doch sie wandte sich nicht um. In dem Au­gen­blick, als sie das Gefühl hatte, nicht weiter beachtet zu werden, entglitt ihr ein leiser Seufzer. Sie hatte es also getan und sich einen falschen Namen gegeben.

Die Straße wurde immer breiter und mündete schließlich in einen großen Platz. In regelmäßigen Abständen ragten hölzerne Pfosten aus dem Sand. Zerschlissene Leintücher waren darauf genagelt, wodurch sie willkommenen Schatten spen­de­ten. Die Nomaden, mit denen Lu­sci­ni­a nach Aridia ge­kom­men war, waren Händler, die nun emsig ihre Waren auf bunt gemusterten Decken ausbreiteten. Ein Hauch von exotischen Kräutern und Gewürzen lag in der Luft, während das ein oder andere lebhafte Verkaufsgespräch geführt wurde.

In der Mitte des Platzes stand ein einfacher Brun­nen, mit einer gemauerten Tränke für Tiere. In flachen Steinplatten waren stählerne Ösen ge­schla­gen und unter den daran festgebundenen Dro­me­da­ren befand sich ein goldblondes, das gierig aus dem Trog soff.

Lu­sci­ni­a schlenderte zu dem majestätischen Tier und strich ihm zärtlich über den Hals. Das Dromedar schwang den Körper leicht zur Seite und stupste sie mit der Schulter an.

„Noch bist du mich nicht los“, flüsterte Lu­sci­ni­a und ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Da seid Ihr ja. Sacra.“ Eine ältere Frau trat hinter den Tieren hervor und ver­beugte sich vor Lu­sci­ni­a. Da­bei ver­rutschte ihr Kopftuch und entblößte ergrautes Haar.

„Ihr sollt mich doch nicht so nennen, Zara.“

„Ihr werdet mit Sacra vorliebnehmen müssen, oder habt Ihr Euch endlich entschieden, wie ich Euch statt­des­sen nennen soll?“ Ihre sonnengelben Au­gen­ musterten sie belustigt.

„Luna. Nennt mich bitte Luna.“

„Ist das schon alles?“

„Caelia.“

„Luna Caelia also.“ Zara schmunzelte. „Der blinde Mond. Ein passender Name.“ Die Alte goss einen Eimer Wasser in den Trog.

„Lasst mich das machen“, sagte Lu­sci­ni­a und streckte die Hände nach dem Eimer aus.

Zara überließ ihr diesen und neigte den Kopf. „Morgen reisen wir nach Py­ran­thia“, sagte die Nomadin, ehe sie sich zu den Anderen gesellte.

Lu­sci­ni­a war dankbar, dass Zara sie in ihrer Ka­ra­wa­ne aufgenommen hatte, doch diese Frau war selt­sam. Eimer um Eimer kippte Lu­sci­ni­a in den sich laufend leerenden Trog, bis die Tiere sich zufrieden auf den Boden legten.

Ein letztes Mal füllte Lu­sci­ni­a den Eimer mit Wasser. Es war beinahe so klar wie das Quellwasser ihrer Heimat. Nachdem sie getrunken und ihren Was­ser­schlauch aufgefüllt hatte, ließ sie sich mit dem Rücken an der steinernen Brunnenwand in den Sand sinken.

Die Reise hatte sie erschöpft. Leise schnaubte sie. Was heißt hier Reise? Es war eine Flucht ge­we­sen. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedan­ken: Vermutlich war ihr falscher Name sinnbefreit, denn wenn überhaupt, würde er ihr Risiko eingeholt zu werden, nur minimal senken. Wie viele Luminari und ganz besonders Schat­ten­jä­ger traf man schon außerhalb Luminaras?

Keine, das hatten Sieg­walds Fragen klar gemacht. Sie war eine Rarität, die in jedem anderen Land, als dem ihren, herausstach. Sie könnte sich die Haare färben, aber die roten Iriden würden sie dennoch ver­raten.

Sollte sie ihre Rüs­tung ablegen? Aber was, oder besser gesagt wer, war sie dann noch? Lu­sci­ni­a schüttelte sich. Sie wollte doch nur leben. Richtig. Frei. Nicht einfach nur überleben.

Der Duft von Kiefernnadeln, Laub und Moos streichelte ihre Sinne. Ihre Haut kribbelte, und fast wäre Lu­sci­ni­a in Erinnerungen ver­sunken. Stopp! Der Ruf hallte durch ihre wirren Gedan­ken und ver­bannte diese Erinnerung zurück, in den zerbrochenen Teil ihres Herzens, woraus sie hervorgekrochen war. Er hatte sich entschieden.

Sie legte die rechte Hand auf ihren linken Unterarm und ver­fluchte das Schicksal.

Alex­an­der

„Was war das ei­gent­lich vorhin da draußen?“, frag­te Alex­an­der belustigt und drehte den Helm in seinen Händen.

„Was meinst du?“, erwiderte Vin­cent mürrisch. Da­bei wanderte seine rechte Au­gen­braue ein Stück höher.

„Du hast ja gar kein Wort rausgebracht.“

Wortkarg war Vin­cent immer schon ge­we­sen, aber das Antlitz der Schat­ten­jä­gerin hatte ihm offen­sicht­lich die Sprache ver­schlagen. Sie war aber auch wirklich hübsch, soweit Alex­an­der das von seiner Position aus hatte beurteilen können.

Vin­cent brummte. „Idiot.“

Alex­an­der machte sich eine gedankliche Notiz, dass er mit dem Thema noch lange nicht fertig war und öffnete die Tür zum Quartier von Gunther Sieg­wald, ihrem Offizier.

Mit breitem Lächeln und einem Knicks signalisierte er Vin­cent, einzutreten. Sein bester Freund ver­drehte die Au­gen­ und schritt ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

Ihr Offizier stand am Fenster, seine Haare noch nass vom Duschen, und blickte auf den großen Platz vor der Kaserne, wo Gar­disten trockenes Holz zu einem Podest von gut zehn Schritt Durchmesser stapelten.

Statt seines Harnisches trug er ein edles schwar­zes Hemd, auf dessen Rücken mit silbernem Garn das Emblem der Göttin gestickt war. Nichts im Vergleich zu den einfachen Hemden, welche Vin­cent und Alex­an­der ihr Eigen nannten. Als Gunther sich seinem Besuch zuwandte, rümpfte er die Nase. Das Krie­cherblut, welches auf ihren schwar­zen Rüs­tungen haftete, stank bestialisch nach ver­faultem Fleisch. Seltsam, dass Alex­an­der sich so an den Geruch gewöhnt hatte, dass er ihn kaum noch wahrnahm.

„Ihr habt uns rufen lassen, oberster Offizier Sieg­wald?“, ergriff Vin­cent das Wort, straffte die Schultern und salutierte vorbildlich. Zögerlich nahm auch Alex­an­der Haltung an. Er war müde, wollte sich waschen und ins Bett. Die untergehende Sonne tauchte den Raum in warmes Orange. Alex­an­ders Blick streifte das breite Bücherregal, das beinahe überquoll.

„Tenere und Custos“, sagte Gunther und ließ sich auf einen mit schwar­zem Samt bespannten Stuhl sinken. Wie bei der Garde üblich, war schwar­z die dominante Farbe. Überhaupt war es die Farbe. Die Farbe der Göttin, die Farbe des Glaubens, die Farbe der Krieger und natürlich die Farbe des Todes.

Gunther deu­te­te auf zwei kleinere Sessel, vor seinem aus dunklem Holz gezimmerten Schreib­tisch: „Setzt euch doch.“

Alex­an­ders Körper ver­lor sofort an Spannung, als er sich auf den, zugegeben, für ihn etwas zu kleinen, aber dennoch sehr bequemen Stuhl setzte. Die Rückenlehne ächzte ver­dächtig, als er sich an sie schmiegte. Vin­cent nahm auf dem zweiten Stuhl Platz, behielt jedoch seine aufrechte Haltung bei. Beide blickten den Offizier erwartungsvoll an.

„Es ist also so weit“, murmelte Gunther. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte, ver­schränkte die Finger ineinander und stützte sein Kinn darauf ab. Nachdem er beide eine Weile gemustert hatte, seuf­zte er. „Ihr habt mir gut gedient. Seid ihr sicher, dass ihr nicht hierbleiben wollt? Ich würde es sehr be­grü­ßen, besonders in Anbetracht unserer heu­ti­gen Verluste.“ Gunthers Auf­merksamkeit richtete sich auf Vin­cent.

„Nein, Sir.“

Der Offizier nickte und fischte eine graue Mappe zwischen den Unterlagen auf seinem Schreib­tisch heraus. Er blätterte darin und warf sie dann auf den Schreib­tisch zurück. „Die Front ruft noch, Tenere?“ Sein Blick bohrte sich in Vin­cents blaue Au­gen­.

„Ja, Sir.“

Weitere Atemzüge ver­gingen, ehe das Blickduell en­de­te und Gunther Vin­cents Entscheidung mit einem Nicken absegnete.

„Custos?“, frag­te Gunther, als er sich Alex­an­der zuwandte.

In Alex­an­ders Kopf riefen die Gedan­ken wild durch­ei­nan­der: Nein! Bloß nicht an die Front! Krie­cher töten ist eine Sache, aber das sind Menschen! Was ist mit Vin­cent? Was machst du dir vor? Du bist kein Gar­dist! Er liebt dich nicht!

Alex­an­ders Au­gen­ zuckten zu seinem besten Freund. Ihr Offizier räusperte sich und eine seiner Au­gen­brauen hob sich mahnend. Wenn es nicht um den weiteren Verlauf seines Lebens gehen würde, hätte Alex­an­der es lustig gefunden, wie ähnlich sich Gunther und Vin­cent waren.

„Nein, Sir. Ich gehe mit Tenere an die Front.“

Auch ihm blickte Gunther tief in die Au­gen­. „Tat­säch­lich?“

Alex­an­ders Hände begannen zu schwitzen, doch er zwang sich zu nicken.

Endlich entließ ihn Gunthers Blick und Alex­an­der ent­spannte sich. Die Stirn des Offiziers legte sich in Falten, als er sich erneut dem Stapel aus Unterlagen widmete. Alex­an­der mochte sich irren, aber Gunther schien enttäuscht über ihre Entscheidung. Doch das ergab keinen Sinn, schließlich war ihr Offizier selbst ein bekannter Kriegsheld.

„Wie ihr wisst, obliegt es nicht mir, euch einem neuen Regiment zuzuweisen. Aber ich werde euch eine Empfehlung ausstellen“, sagte er schließlich, als er zwei Dokumente aus dem Stapel hervorzog und unterzeichnete.

Alex­an­der starrte auf das Durcheinander, dass sich, einem kleinen Gebirge gleich, auf dem Schreib­tisch ausbreitete. Irgendwo darin befanden sich gewiss auch Entlassungsschreiben und Bitten, sie in Aridia behalten zu dürfen. Ihr Offizier war stets auf jede Wendung vorbereitet. Nachdem er die Dokumente mit Wachs ver­siegelt hatte, überreichte er sie Vin­cent und Alex­an­der.

„Meldet euch in der Hauptstadt bei der Trup­pen­ein­tei­lung.“

„Ja, Sir!“, antworteten Vin­cent und Alex­an­der.

Mit leichtem Unbehagen dachte Alex­an­der an die Frau, welche dieses Regiment als Strafe für Vin­cent und ihn ausgewählt hatte.

Gunther öffnete eine Schublade und holte zwei kleine Beutel heraus, die ver­führerisch klimperten, als er sie auf dem Tisch ablegte.

„Euer Sold“, erklärte Gunther, ehe er sich erhob und salutierte. Vin­cent und Alex­an­der sprangen auf und taten es ihm gleich.

„Vielen Dank, Sir!“

„Ich werde die Truppenzuteilung über eure baldige Abreise unterrichten.“ Noch einmal rümpfte Gunther die Nase. „Und geht euch waschen. Gründlich!“

 „Ja, Sir!“

Alex­an­der und Vin­cent schnappten sich je einen Beutel und ver­ließen das Büro ihres Offiziers. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, atmete Alex­an­der tief ein.

Vin­cent musterte ihn. „Du weißt, dass du mich nicht begleiten musst?“

Alex­an­der zuckte mit den Schultern. „Klar.“

Vin­cents rechte Au­gen­braue hob sich, doch Alex­an­der ignorierte seine ‚ich-glaub-dir-kein-Wort‘-Geste und drückte sich an ihm vorbei durch die Tür. Heiße, trockene Luft schlug ihm ent­ge­gen. Ein paar Gar­disten drängten an ihnen vorbei und holten noch etwas Holz vom Lagerplatz.

 Inmitten des Hofes der Kaserne stand ein einfacher Brunnen. Daneben warteten rostige, zu schiefen Türmen gestapelte Eimer auf ihren Einsatz. Nach­ei­nan­der ließen sie die Eimer in den Brunnen hinab und zogen sie randvoll gefüllt wieder herauf.

Aridia war, gleich den umliegenden Siedlungen, direkt auf einer Wasserader errichtet worden. Es ver­steckten sich etwa hundert dieser Brunnen in der Stadt, zumeist in ähnlichen Innenhöfen. Wer das nicht wusste, musste glauben, dass Wasser ein rares Gut in der Wüste war. Tat­säch­lich gab es, etwas Muskelkraft vorausgesetzt, keine Not.

Gemeinsam betraten Vin­cent und Alex­an­der den Waschraum am Ende des Hofes. Modrige Luft, mit einem Hauch von menschlichen Ausscheidungen, schlug ihnen ent­ge­gen. Alex­an­der brauchte etwas, bis seine Au­gen­ sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, das durch die schma­len Lüf­tungs­schlitze knapp unter der Decke in den Raum drang.

Die beiden Männer setzten sich auf eine ab­ge­griffene hölzerne Bank in der Mitte des Raums. Alex­an­der öffnete die Schnallen der aus schwar­zem Metall geschmiedeten Rüs­tung und entkleidete sich. Entlang einer Wand befanden sich mehrere schwar­ze Löcher im Boden, darüber hing je eine hölzerne Kelle an einem Wandhaken. Die Löcher dienten einem ausgeklügelten Kanalisationssystem, wel­ches das Schmutzwasser vom Trinkwasser trennte und in die Wüste leitete.

Wohin genau, wusste Alex­an­der nicht. Er stellte sich über einen der Abflüsse, nahm sich die Kelle von der Wand und tauchte sie in den Eimer. Das kühle Wasser stach wie Nadeln, als es seine Haut hi­nun­ter­lief. Wahrscheinlich war das Wasser gar nicht so kalt, aber auf Alex­an­ders glühender Haut fühlte es sich so an. Er wusch sich gründlich, denn die näch­ste Gelegenheit würde er frühestens in Py­ran­thia bekommen.

Anschließend setzte er sich auf die Bank und begann seine Ausrüstung zu säubern. Vin­cent stand noch auf einem der Waschplätze und Alex­an­der beobachtete, wie das Wasser in feinen Rinnsalen über Vin­cents nackten Rücken lief. Die schwach gebräunte Haut spannte sich über seine sehnigen Muskeln, als er sich noch einmal zum Eimer bückte und die Kelle hineintauchte. Alex­an­der schluckte.

„Wie kann man nach einem Jahr in der Wüste ei­gent­lich so blass sein?“, stichelte er, um die aufsprudelnden Gedan­ken zu ver­scheuchen.

„Gefällt dir nicht, was du siehst?“ Vin­cent zog ein Au­gen­lid nach unten. Waren sie unter sich, ließ er sich doch zur ein oder anderen kindischen Geste hinreißen, was Alex­an­der ein Schmunzeln entlockte. „Du hättest deinen weißen Arsch mehr in die Sonne halten sollen. Dann würdest du auch so toll aus­se­hen, wie ich.“ Alex­an­der beugte seine Arme und spannte dabei die Muskeln an.

„Du bist wirklich ein Idiot“, lachte Vin­cent und kippte sich noch eine Kelle Wasser über den Kopf.

Alex­an­der grinste und zwängte sich in die nasse Unterhose. Dann griff er nach seinen Sachen und ver­ließ den Waschraum. Warme Luft umhüllte ihn. Die Hitze der Wüste würde seine Kleidung in kür­zes­ter Zeit trocknen.

Zeit, seine restlichen Habseligkeiten zu packen. Nicht, dass er besonders viel besaß, aber ein paar Dinge hatten sich doch angehäuft. Hoffentlich passte alles in seinen Beutel.

Lu­sci­ni­a

Die Sonne war hinter dem Horizont ver­schwunden und die ersten Sterne zeigten sich am Firmament. Die Verstorbenen ruhten, in schwar­ze Laken gehüllt, auf einem hölzernen Podest. Dies war die erste purtraische Trauerfeier, der Lu­sci­ni­a beiwohnte.

Ein edles schwar­zes Banner wehte von der ebenfalls schwar­z getünchten Kirche. In silbernen Linien pran­gte das Emblem der purtraischen Göttin darauf. Tatsächlich entsprach das Symbol dem der lu­mi­na­ri­schen Göttin. Abgesehen davon, dass die Farben ins Gegenteil ver­kehrt und die Form auf den Kopf gestellt war.

Lu­sci­ni­a ließ ihren Blick durch die Menge schweifen. An die zweihundert Menschen hatten sich auf dem Platz eingefunden. Im Getümmel entdeckte sie Zara und einen Teil ihrer Karawane. Vor der bröckeligen, einst gewiss ebenfalls nachtschwar­zen Fassade der Kaserne stand Gunther Sieg­wald, umgeben von einer Gruppe Gar­disten in voller Rüs­tung. Weitere Krieger flankierten das Podest, wie auch den Platz.

Ob der Gar­dist vom Schlachtfeld auch hier war? Sie ertappte sich dabei, nach ihm Ausschau zu halten. Doch es war zwecklos. Bis auf seine frostblauen Au­gen­, welche aus dem schma­len Sehschlitz des Helmes herausgestochen hatten, hatte sie nichts von seinem Ge­sicht­ erkennen können.

Das Murmeln erstarb, als der Pries­ter, welchen sie heu­te be­reits kennenlernen durfte, das Podest betrat. Ohne die Menge zu be­grü­ßen, begann er die Gefallenen zu segnen. Da­bei legte er erst die Hand auf einen Leichnam, streckte sie dann gen Himmel und rief: „Die Göttin geleite dich in ihre Arme!“

Die Trauergäste wiederholten im Chor seine Worte.

Zwölfmal vollführte der Pries­ter diesen Vorgang. Zwölfmal tat es ihm die Menge gleich.

„Lasst uns nun den Verstorbenen die Reise in den Schoß der Göttin erleichtern!“, rief er mit aus­ge­brei­tet­en Ar­men. Kaum war er vom Podest geklettert, griff Offizier Sieg­wald nach einer Fackel und warf sie auf eben jenes. Binnen weniger Herz­schlä­ge schlugen die Flammen auf das tro­cke­ne Holz über und bald stand der gesamte Altar in Brand.

Die Hitze war überwältigend und die Menge stimmte in einen schaurigen, dennoch tröstlichen Gesang ein. Lu­sci­ni­a starrte ins alles ver­zehrende Feuer, des­sen Schein tanzende Schatten in die Ge­sicht­er der Trauernden warf.

Ein Windstoß fuhr in den Scheiterhaufen und bei­ßen­der Rauch trieb ihr Tränen in die Au­gen­ und reizte ihre Lungen. Lu­sci­ni­a legte ihre Fingerkuppen aneinander und führte ihre Zeigefinger an die Lippen. Sie schloss die Lider und begann zu beten.

Mögen eure Seelen Frieden finden.

Luminati ver­a serenitas inveniat.

Als sie ihre Au­gen­ wieder öffnete, hatte sich die Menge aufgelöst und der bauchige, aber noch nicht volle Mond stand hoch am Himmel. Wie lange hatte sie hier gestanden? Das Podest war zu­sam­men­ge­bro­chen und es stank nach ver­branntem Fleisch.

Jetzt war ein guter Zeitpunkt. Lu­sci­ni­a griff in ihre Tasche und holte ein kristallenes Fläschchen, ge­ra­de so groß wie ihr Handteller, hervor. Sie ging in die Knie, tropfte das schwar­ze Blut in die schwach züngelnden Flammen und brachte ihre Hände erneut in Gebetshaltung.

„Und ich dachte schon, Ihr trinkt das jetzt“, wurde sie jäh unterbrochen.

Verärgert wirbelte Lu­sci­ni­a herum. Ein Mann lächelte sie ver­schmitzt an und entblößte dabei eine Reihe ge­ra­der, fast schon blendend weißer Zähne. Seine Au­gen­ musterten sie aufmerksam, während der orange Schein der Glut leuchtende Reflexe in sein gelocktes Haar zauberte. Obwohl er sie um fast zwei Köpfe überragte, war ihr, als stünde sie einem unschuldigen Kind gegenüber. Ihre Wut war au­gen­blick­lich ver­raucht und sie konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.

„Alex­an­der, siehst du nicht, dass du störst?“

Lu­sci­ni­a erkannte die Stim­me sofort.

Eine Hand legte sich auf die Schulter des Hünen und drückte ihn leicht zur Seite. Blaue Au­gen­, so hell und klar, dass sie in der Dunkelheit leuchteten, fixierten sie, als wäre sie Wild, das es zu erlegen galt. Das rabenschwar­ze Haar fiel ihm locker in die Stirn. Es schien, als bestünde es aus purer Dunkelheit, die auch den letzten Funken Licht ver­schluckte.

„Ihr seid der Gar­dist vom Schlachtfeld. Wir haben kurz gesprochen“, stellte sie fest und musterte ihn eindringlich. Er war etwas kleiner als Alex­an­der, aber nicht minder gut gebaut. Der strenge Blick bildete eine Einheit mit den hohen Wangenknochen und den scharf geschnittenen Ge­sichts­zügen. Entlang seiner Kieferlinie konnte Lu­sci­ni­a ver­einzelte Bartstoppel erkennen. Aber da war noch etwas anderes an ihm. Etwas, das sie nicht richtig greifen konnte.

„Nicht nur das!“, unterbrach Alex­an­der ihre Gedan­ken und klopfte dem Schwarzhaarigen wie einem Kleinkind auf den Kopf. „Ihr habt nicht nur erfahren, wie eloquent Vin­cent es ver­mag, sich auszudrücken, sondern auch seinen hübschen Arsch vor den Krie­chern gerettet. Hat er sich überhaupt bei Euch bedankt?“, quasselte Alex­an­der munter weiter.

Vin­cents Lippen zuckten, dann schüttelte er den Kopf. „Wieso rede ich überhaupt mit dir?“

Lu­sci­ni­a konnte nicht an sich halten und ihr entwich ein belustigtes Schnauben. Dann blickte sie noch einmal in Vin­cents hypnotisch leuchtende Au­gen­. „Es freut mich, dass Ihr wohlauf seid.“

Da war es wieder, dieses Zucken um seine Lippen. „In einer Sache hat Alex­an­der recht. Ich schulde Euch meinen Dank.“

Beide Männer trugen lockere, grauschwar­z ver­waschene Hemden ohne Kragen, braune raulederne Ho­sen und einfache lederne Stiefel. Lu­sci­ni­a run­zel­te die Stirn. Betrauerten sie gefallene Schat­ten­jä­ger, erschienen die zurückgelassenen Jäger stets in der typischen Rüs­tung. Es war ein Zeichen des Res­pekts und des Zusammenhalts. „Tragen Gar­disten zu solchen Anlässen nicht ihre Aus­rüs­tung?“

„In unserer Freizeit? Nein“, antwortete Vin­cent.

„Außerdem dürfen freigestellte Gar­disten keine Rüs­tung tragen“, fügte Alex­an­der hinzu.

„Freigestellt?“

„Wir ver­lassen Regiment sieben und bis wir einem neuen Regiment zugeteilt werden und dort den Dienst antreten, sind wir freigestellt“, erklärte Alex­an­der.

„Ihr ver­lasst Aridia?“, hakte Lu­sci­ni­a nach.

„Ja, wir reisen in die Hauptstadt“, sagte Alex­an­der und zeigte Richtung Norden.

„Nach Veridia?“

Vin­cent nickte.

Veridia war die Hauptstadt von Verdea und damit auch die Hauptstadt der ver­einten Reiche von Pur­tra. Die Stadt beherbergte allein mehr als doppelt so viele Einwohner wie ganz Luminara. Die Häuser sollen sich dicht aneinanderreihen und sich in mehr­er­en Ge­schossen dem Himmel ent­ge­gen­streck­en. Die schwar­ze Zitadelle der purtraischen Kirche soll sogar die Türme von Aethras Schloss in den Schatten stellen.

Sehnsucht ver­setzte ihr einen Stich. War es ei­gent­lich ver­tretbar, dass sie sich wünschte, das heilige Zentrum des einstigen Feindes zu sehen? Lu­sci­ni­a presste die Lippen aufeinander. Verdiente eine Göttin, die sie mit solch einem Schicksal strafte, überhaupt ihre Treue?

„Aber vorher machen wir Halt in Montheria!“, riss Alex­an­der sie aus ihren Gedan­ken.

„Du kannst dich erinnern, warum wir hier sind?“ Vin­cents rechte Au­gen­braue wanderte eine Ebene höher.

„Wir sind freigestellt? Also kann uns auch keiner zu Strafdienst ver­donnern“, ver­suchte Alex­an­der, seinen Freund zu überzeugen. Vin­cent ver­schränkte die Arme vor der Brust und brummte grimmig.

„Ach komm schon! Diesmal ganz offiziell! Wir könn­ten so viel Spaß haben! Und denk an das Preisgeld!“, sprudelten die Argumente nur so aus Alex­an­der heraus.

Vin­cent ver­zog die Lippen zu einem schiefen Grin­sen, dann trat er in den festgetrampelten Sand. „Na gut, vielleicht.“

„Ja!“ Der Große rieb sich die Hände. Seine Au­gen­ funkelten.

„Wovon sprecht ihr?“, frag­te Lu­sci­ni­a neugierig.

Vin­cent wandte sich ihr zu. „In Montheria findet am Ende jeden Monats ein großes Kampfturnier statt.“

„Brot und Spiele für das Volk. Dem Gewinner winkt ein stattliches Preisgeld“, fügte Alex­an­der hinzu.

Beim Wort Preisgeld kam sie ins Grübeln. Sie führte eine gute Summe mit sich, doch Lu­sci­ni­a hatte keine Ahnung, wie lange diese vorhalten würde. Sie musterte die beiden Gar­disten noch einmal und rief sich die Bilder der heu­ti­gen Schlacht in Erinnerung: Vin­cent war ein geschickter Kämpfer, allerdings hatte ein wolfs­ar­ti­ges Anima ihn viel zu leicht überrascht und beinahe wäre er ge­tö­tet worden. Alex­an­der – der größte Mann unter den Gar­disten, wodurch sie auch im Nachhinein sicher sagen konnte, welcher der gerüsteten Krieger er ge­we­sen war – hatte einen überaus brachialen Stil.

Lu­sci­ni­a war eine schnelle und wendige Kämpferin, es wäre ein Leichtes, seine Verteidigung zu durch­drin­gen und gewiss würde ihr das auch bei Vin­cent gelingen.

 „Was ist mit Euch? Aridia war doch gewiss nicht Euer Ziel?“, frag­te Alex­an­der.

„Ich bin nur auf der Durchreise“, antwortete sie knapp.

„Wohin?“, hakte Alex­an­der nach.

Irgendwie imponierte ihr die direkte Art des Hünen, der sein Herz wohl auf der Zunge trug. Lu­sci­ni­a legte den Kopf schief und drückte einen Finger in ihre Wange. Sie hatte kein Ziel, auf das sie zulief. Nur Etwas, vor dem sie floh. „Wohin auch immer mein Weg mich führt“, antwortete sie wahr­heits­ge­treu. Hauptsache möglichst weit weg von Luminara.

„Wie poetisch.“ Vin­cent gab ein Geräusch von sich, das sowohl Schnauben als auch Glucksen sein konnte.

„Also eine Abenteurerin?“, frag­te Alex­an­der. Beim letzten Wort ging seine Stim­me deutlich nach oben. „Ihr könntet uns begleiten! Wir kommen in Py­ran­thia vorbei, dann geht es über die Silberstraße nach Transperia, über die Berge nach Montheria und dann schließlich nach Veridia. Alles Orte, die man ge­se­hen haben muss!“ Alex­an­ders Stim­me über­schlug sich bei der Auf­zählung der Se­hens­wür­dig­kei­ten auf ihrer Reiseroute.

„Ah…“ Lu­sci­ni­a brauchte einen Mo­ment, um die Fülle an Informationen und die Frage zu ver­arbeiten. Sie waren Fremde füreinander, aber wenn sie schon denselben Weg einschlugen, konnten sie auch ge­mein­sam reisen.

„Alex­an­der …“ Vin­cent schüttelte den Kopf, doch ehe er noch etwas sagen konnte, grätschte Lu­sci­ni­a dazwischen: „Ja, sehr gern.“

Vin­cents Mund klappte wiederholt auf und zu, was Lu­sci­ni­a unweigerlich an einen Karpfen erinnerte. Als er sich gefangen hatte, reichte er ihr die Hand. „Ich bin Vin­cent Tenere. Und der Idiot heißt Alex­an­der Custos.“

Ohne noch einmal zu zögern, schlug sie ein. „Ich heiße Luna. Luna Caelia.“

Vin­cent

Luna Caelia, kostete Vin­cent ihren Namen in Gedan­ken aus, als er mit Alex­an­der zurück zu den Un­ter­künf­ten ging. Jede Silbe schmeckte nach einem Geheimnis, das er zu gern lüften würde. Einen Mo­ment, nachdem sie ihren Namen ver­raten hatte, war er enttäuscht ge­we­sen, denn er hatte wirklich ge­glaubt, jemand anderen vor sich zu haben.

Er ver­scheuchte die Erinnerung, wie eine vor seiner Nase herumschwirrende Fliege. Fest stand, dass sie morgen mit der Karawane aufbrechen würden, anstatt erst in einer Woche mit der Ver­sor­gungs­ein­heit. Theoretisch hätten Alex­an­der und er die ver­hältnismäßig kurze Reise nach Py­ran­thia auch zu zweit geschafft.

„Warum hast du sie gefragt?“, frag­te er Alex­an­der.

„Warum nicht?“

Vin­cents rechte Au­gen­braue wanderte eine Etage höher.

„Weil du sie nicht gefragt hättest?“, gab Alex­an­der zu und zuckte mit den Schultern.

„Warum hätte ich sie fragen sollen?“

„Vielleicht, weil du sie ziemlich intensiv angestarrt hast?“

„Habe ich das?“

„Und wie.“

„Hm.“ Ja, das hatte er, da gab es nichts zu leugnen.

Vor ihrem Zimmer ange­kom­men, drehte Alex­an­der sich um und tippte Vin­cent auf die Stirn. „Ich würde zu gern wissen, was da drin vorgeht.“

„Nichts“, blaffte Vin­cent und rügte sich im näch­sten Mo­ment für die Vorlage, die er seinem Freund so­e­ben geliefert hatte.

Dieser ver­kniff sich jedoch überraschender Weise einen dummen Spruch und schüttelte grin­send den Kopf. „Ich finde sie süß. Und wenn wir doch sowieso erstmal denselben Weg haben? Vielleicht ergibt sich da was?“

Vin­cents Lippen zuckten. „Idiot.“