Die Legende der Nathril
von Schattenjägern, Wächtern und Gardisten

Die Schattenjägerin

22. Nubris 1113 SZ
Heute 

Willkommen auf Saevia im Zeitalter des Schattens!

Bist du bereit, Zeuge einer wahrhaft epischen Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verrat zu werden? Und natürlich steht dabei nichts Geringeres als das Schicksal dieser Welt auf dem Spiel!

Also lehn dich zurück und genieß die Show!

Vin­cent

Es war ein beschissen heißer Tag. Nicht, dass es in Aridia jemals kalt war, schließlich lag die Siedlung mitten in der Wüste. Vin­cent lehnte an der schat­tigen Mauer eines bescheidenen Wachturms. Wobei Turm der falsche Begriff war, immerhin war das Bauwerk kaum drei Meter hoch und diente nicht nur als einfacher Aussichtspunkt, sondern auch als Kontrollstation für Reisende und Handeltreibende.

Allerdings verirrten sich Erstere nie, wirklich nie, hierher und die meisten Händler bevorzugten den Seeweg gegenüber der mühseligen Route durch die Dünen. Klar, die salzige Brise des Meeres hätte Vin­cent auch sofort gegen die sengende Hitze getauscht. Er seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Stillgestanden!“, blaffte plötzlich eine Stimme, doch Vin­cent dachte nicht daran, Haltung anzunehmen und blieb lässig, mit vor der Brust verschränkten Armen, am Turm angelehnt.

Eine Hand schlug ihm auf die Schulter und warmbraune Augen blickten ihm aus einem schelmisch grinsenden Gesicht entgegen. Alex­ander war fast einen Kopf größer als Vin­cent und hielt sich bedauerlicherweise für lustig. Vin­cents Lippen zuckten.

„Bringt man dich eigentlich nie aus der Ruhe?“, fragte Alex­ander und fuhr sich durch den blonden Schopf.

„Nicht beim 366. Versuch.“

„Das hab ich nicht jeden Tag gemacht.“

„Aber fast.“

Alex­ander hob entschuldigend die Schultern und Vin­cent gab dem drängenden Zucken seiner Gesichtsmuskeln nach und schenkte seinem Freund ein schiefes Lächeln. Dieser Scherz war ihm bereits beim ersten Versuch misslungen, dennoch wusste Vin­cent es zu schätzen, dass Alex­ander sein Bestes gab, um Abwechslung in die tägliche Tristesse zu bringen.

„Dreihundertsechsundsechzig Tage“, wiederholte Vin­cent noch einmal langsam und kostete jede Silbe aus. Endlich war das Jahr vorbei.

„Die letzten Stunden werden jetzt noch mal zäh wie Sandwurmspeck“, warf Alex­ander ein, ehe er die Leiter hochkletterte, um seinen Posten auf dem Ausguck wieder einzunehmen. Oben angekommen, revidierte er seine eben getätigte Aussage jedoch wieder: „Vielleicht auch nicht!“

Vin­cent hob den Kopf und ließ seinen Blick über den Horizont schweifen. Am Kamm der nächsten Düne entdeckte er tatsächlich eine Gruppe kleiner brauner Punkte, welche gemächlich über den Sand auf Aridia zukrochen.

„Das dauert noch ewig“, murrte er.

„Trotzdem. Stell dir vor, da ist eine süße Händlertochter dabei? Das wär doch was.“ Alex­anders Stimme war jetzt gedämpft, doch immer noch laut genug, um ihn zu verstehen.

Ein Glucksen entkam Vin­cent. Er kannte seinen Freund lange genug, um zu wissen, dass Alex­ander, ganz im Gegensatz zu Vin­cent selbst, nie eine Frau nehmen würde, die ihm nichts bedeutete. Allerdings hatte auch Vin­cent sich im vergangenen Jahr brav zurückgehalten. Aridia war schließlich ein winziges Wüstenkaff, in dem jeder jeden kannte. Und als wäre das nicht genug, hatten die Calidri ein ausgeprägtes Ehrgefühl, und auf Prügeleien oder gar Aufenthaltsverlängerungen konnte er wirklich verzichten.

Vielleicht hatte Alex­ander deshalb beschlossen, ihn auf jede sich bietende Gelegenheit hinzuweisen. Wobei auf Vin­cent das Klischee des Frauenhelden, der sich stets auf der Jagd nach dem nächsten Rock befand, nun wirklich nicht zutraf. Aber wenn sich eine Gelegenheit ergab, war er auch nicht abgeneigt. Also blieb ihm, im Namen ihrer Freundschaft, nichts anderes übrig, als Alex­anders Sprüche hinzunehmen. Vin­cents Lächeln wurde eine Spur breiter. Eigentlich war es mit Alex­ander immer lustig.

Die feinen Härchen in Vin­cents Nacken richteten sich kerzengerade auf, als eine Kälte, die es hier eigentlich nicht geben dürfte, nach ihm griff. Einer düsteren Vorahnung folgend, lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück zur Düne. Eine Welle aus Dunkelheit schwappte über den Kamm und die Karawane stürmte den Hang hinunter. Eines der Tiere stürzte und wurde mitsamt Reiter von der herabdonnernden Walze, bestehend aus schwarzen Leibern, verschlungen.

„Krie­cher.“ Kaum hatte Vin­cent seinen Gedanken ausgesprochen, blies Alex­ander in das Signalhorn. Der schrille Ton hallte durch die Luft und umgehend antworteten fünf weitere Hörner mit ebenso markanten Signalen.

Vin­cent streifte sich den aus schwarzem Stahl gefertigten Helm über. Sein Sichtfeld war nun stark eingeschränkt und er zweifelte daran, ob der Kopfschutz ihm wirklich im Kampf gegen die Krie­cher helfen würde.

Doch das schmucklose Stück Metall, mit der schmalen Aussparung auf Höhe seiner Augen, gehörte nun mal zur Kampfrüstung der Garde, und um die Krie­cher zu bekämpfen, hatte er sich verpflichtet.

Nun gut, nicht nur um die Krie­cher zu bekämpfen. Vor seinem inneren Auge blitzte eine karge Landschaft auf: Übersät mit Leichen. Tatsächlich hatte er viel größere Ziele. Er stieß die mahnende Erinnerung von sich und fokussierte sich auf die Gegenwart.

Es war Bewegung in den verschlafenen Ort gekommen. Fünfzig Gardisten waren in Aridia stationiert, was etwa einem Achtel der Einwohner entsprach. Im näheren Umland gab es zwölf weitere Siedlungen mit ähnlicher Größe und Struktur. Sie alle lagen an der südlichen Grenze der vereinten Reiche von Purtra, wo der Schutz ihrer Göttin schwand und die Krie­cher sich zu großen Horden zusammenschlossen. Innerhalb weniger Herzschläge konnten Heere dieser dämonischen Kreaturen ganze Siedlungen auslöschen, was der Grund für die hohe Zahl an Gardisten im kaum besiedelten Wüstengebiet war.

Die gerüsteten Männer und Frauen hatten sich formiert und an ihrer Spitze schritt ein hochgewachsener Mann, gekleidet in eine ebenso schwarze Rüstung wie Vin­cent und Alex­ander.

Doch im Gegensatz zur schlicht gehaltenen Rüstung einfacher Soldaten prangte auf seiner Brust das Emblem der Göttin: Eine silbern glänzende Linie in Form einer nach oben verlängerten Raute. Dieses Symbol kennzeichnete Gunther Siegwald nicht nur als ihren direkten Befehlshaber, sondern auch als ranghöchsten Offizier des siebten Regiments.

Auf Gunthers Befehl brachten sich die Truppen im Süden, vor der Aridia umschließenden Mauer aus Lehm und Sandstein, in Position. Bevor sich ihre Reihen endgültig schlossen, stürmten die verbliebenen Nomaden schutzsuchend an ihnen vorbei. Das schwere Tor aus gebleichtem Holz wurde verriegelt und Gunther brüllte den Befehl: „Schießt!“

Das Surren der Armbrustbolzen ließ die Luft vibrieren. Wie Hagel stürzten die Geschosse auf die Krie­cher und schlugen Löcher in ihre Reihen. „Haltet stand!“, rief ihr Offizier und die Gardisten hoben die Schilde. Einer brandenden Welle gleich, krachten die Kreaturen auf den Wall und im nächsten Moment hieß Vin­cents Schwert den Feind willkommen.

Der Lärm der Schlacht und das Adrenalin in seinen Adern beflügelten seine Hiebe und binnen weniger Minuten hatte er bereits drei niedere Kreaturen getötet.

Mit einem Seitenblick versicherte er sich, dass auch sein bester Freund dem Ansturm gewachsen war. Eine unnötige Geste, denn auch zu Alex­anders Füßen türmten sich die schwarzen Leiber. Dennoch blieb der Angriff ungebrochen und als die nächste bucklige Bestie zu seinen Füßen in den Staub sank, richtete sich ein mannshohes Ungetüm vor ihm auf. Seine vier, mit dolchartigen Klauen besetzten Arme schnellten auf Vin­cent zu, welcher den Schild im letzten Moment hochriss. Immer wieder schlug die Kreatur zu und jeder Aufprall verbeulte das Metall.

Vin­cent keuchte und schmeckte Schweiß auf seinen Lippen. Er stemmte sein ganzes Gewicht gegen den Schild, um nicht von den Füßen gerissen zu werden.

Plötzlich blieben die Schläge aus und die Klauen der Kreatur kratzten über das Metall, umgriffen die Kanten des Schildes, und ehe Vin­cent reagieren konnte, riss die Bestie es aus seinen Händen.

Im hohen Bogen flog der Schild davon, dabei präsentierte der Krie­cher ihm den ungeschützten Torso. Vin­cents freigewordene Hand schnellte zum Schwertgriff und ehe die Kreatur zum nächsten Schlag ausholen konnte, trieb er ihr die Klinge mitten durch die Brust.

Das Monster sackte keuchend auf die Knie. Vin­cent stemmte ein Bein gegen die Schulter des Geschöpfes und riss sein Schwert aus dessen Leib, wobei ihm eine Fontäne pechartigen Blutes entgegenspritzte und ihn von Kopf bis Fuß besudelte. Die dämonisch glühenden Augen erloschen und mit einem leidenden Zischen kippte das Wesen nach hinten.

Vin­cent wollte sich in die Reihen seiner Verbündeten zurückziehen, als ein lähmender Schmerz durch sein rechtes Bein zuckte und er umgerissen wurde. Ein niederer, wolfsartiger Krie­cher hatte sich in seinem Beinschutz verbissen und zerrte ihn aus der Formation, direkt auf das Getümmel der schwarzen Leiber zu. Mit seinem freien Bein trat Vin­cent mehrmals gegen den Kopf der Bestie, bis diese ihn wieder losließ. Die leeren, rotglühenden Augenhöhlen der Kreatur fixierten ihn und schäumender Geifer tropfte aus ihrem Maul, als sie zum Sprung ansetzte.

Vin­cent rollte zur Seite und schoss in die Höhe. Doch als er auf seinem rechten Bein landete, knickte es ein, und er stürzte zurück in den Sand. „Scheiße“, entfuhr es ihm, als er begriff, dass er kein Gefühl im rechten Bein hatte.

Der Krie­cher beugte die Läufe und warf sich mit einem mächtigen Satz auf Vin­cent. Im letzten Moment riss er sein Schwert hoch und die Klinge drang in den Schlund der Bestie. Der Geruch von Fäulnis schlug ihm ins Gesicht, als die Kreatur erschlaffte und auf ihm zusammenbrach. Mühsam schob er das Scheusal von sich und machte sich daran, sein Schwert aus dem Schädel des Krie­chers zu hebeln. In diesem Moment stürzte sich ein weiteres wolfsartiges Untier auf ihn. Reflexartig riss Vin­cent die Hände hoch, wohlwissend, dass die Panzerung der Kreatur nicht auf Dauer standhalten würde und dies sein Ende sein könnte.

Doch der Krie­cher erschlaffte mitten im Sprung und stürzte vor ihm in den Sand. Ein Griff aus durchscheinendem Adthril ragte aus dem Nacken der Kreatur. Ein maskierter Krieger in schwarzer Lederrüstung zog den Dolch heraus. Nur seine Augenpartie war sichtbar, und ein Schauer lief über Vin­cents Haut, als er rote Iriden erkannte: Luminari.

Kurz trafen sich ihre Blicke, ehe der Krieger in einer fließenden Bewegung herumwirbelte und den Dolch einem weiteren Wolfsartigen entgegenschleuderte. Wie ein heißes Messer durch Butter, bohrte sich die Klinge zwischen die glühenden Augenhöhlen bis zum Anschlag in den Schädel der Kreatur.

Gerüstete Arme schoben sich unter Vin­cents Achseln, griffen um seine Brust und schleiften ihn hinter die Formation der Gardisten. Ein Hüne ging vor ihm auf die Knie und klopfte Vin­cent auf den Helm. „Alles in Ordnung?“

Obwohl Vin­cent nur die Augenpartie des Kriegers sehen konnte, erkannte er Alex­ander sofort.

„Mein Bein …“, stöhnte Vin­cent und löste die Riemen des Beinschutzes, in dem sich die Fänge des Krie­chers deutlich abzeichneten. Doch das Metall war dermaßen verzogen, dass er es nicht abstreifen konnte. Alex­ander erkannte seine Not und bog die Kanten des Rüstungsteils auseinander.

Kribbelnd kehrte sein Gefühl zusammen mit einem stechenden Schmerz zurück. Vin­cent streifte die Hose hoch, um einen Blick auf seine Wade zu werfen. So ein Mist.

Sein Fleisch war geschwollen und die Haut mit einem gigantischen Bluterguss überzogen. Hoffentlich war nichts gebrochen, aber das würde er erst herausfinden, wenn er es belastete. Er drückte also seine Sohlen in den Sand und stemmte sich hoch. Sein Bein pulsierte vor Schmerz, doch es hielt der Belastung stand.

„Kreist sie ein!“, schallte Gunthers Stimme über den verklingenden Schlachtlärm hinweg. Die Gardisten sprengten auseinander, kesselten die verbliebenen Monster ein und machten kurzen Prozess mit ihnen. Klinge um Klinge bohrte sich in schwarze Leiber, bis auch die letzte Kreatur reglos liegen blieb. Die Schlacht war gewonnen, und nur das Stöhnen der Verwundeten durchbrach die wiederkehrende Stille.

„Die Verletzten ins Lazarett! Die Toten auf den Platz!“, befahl Gunther, und die Gardisten zerstreuten sich, um seinen Befehlen Folge zu leisten. Das Tor nach Aridia wurde geöffnet, und zwei Handkarren herausgezogen. Vin­cents Blick glitt über das Schlachtfeld. Der Preis für den Sieg war hoch gewesen: Etwa ein Viertel der in Aridia stationierten Gardisten war tot, und ein weiteres Viertel verletzt. Teilweise so schwer, dass sie nie wieder kämpfen könnten, wenn sie die Nacht überhaupt überlebten. Im ganzen vergangenen Jahr hatte er kein derartiges Gemetzel erlebt.

Inmitten des Schlachtfeldes kniete der Krieger, welchem Vin­cent sein Leben verdankte, über einem toten Krie­cher. Von den ersten Kadavern tropfte bereits schwarzes Pech. Bald würde nur noch der vom schwarzen Krie­cherblut getränkte Sand an den Angriff erinnern und binnen weniger Wochen wäre auch diese Spur verblasst, als hätte es diese Wesen nie gegeben.

„Wo kommt der denn her?“, murmelte Alex­ander und deutete zum Unbekannten.

„Der …“ Jetzt erst bemerkte Vin­cent die sanduhrförmige Statur des Kriegers. „… ist eine Die.“

„Eine Schattenjägerin!“, stellte Alex­ander verblüfft fest.

Keiner von ihnen hatte je einen leibhaftigen Schattenjäger gesehen, doch es kursierten einige Legenden über die geheimnisvollen Krieger der Luminari. Die Quintessenz dieses Halbwissens lautete, dass sie regelmäßig das Blut der Krie­cher in nächtlichen Zeremonien tranken, wodurch sie übermenschliche Kräfte erhielten. Dies forderte jedoch einen schrecklichen Tribut: Sie wurden selbst zu Kreaturen der Finsternis. Im Laufe der Jahre verloren sie Stück für Stück ihren Verstand. Doch ehe sie sich in meuchelnde Monster verwandelten, wurden sie von den nachrückenden Schattenjägern in einem feierlichen Ritual getötet.

Eigentlich hatte Vin­cent diese Geschichten als Märchen eingestuft. Doch als er sah, wie die Unbekannte ihren Dolch an einer kleinen Phiole abstreifte, erschauderte er.

„Wir sollten bei den Aufräumarbeiten helfen“, sagte er schließlich und nickte in Richtung der Gardisten, welche die Verwundeten auf einen der Karren luden und ihn anschließend durch das große Tor Richtung Lazarett zogen. Blieben noch die Gefallenen.

Von Krie­chern Getötete wurden nicht zu ihresgleichen, dennoch gebot ihr Glaube, die Seelen mit einer Andacht zu besänftigen und ihre Körper zu verbrennen.

Als Vin­cent vor der verstümmelten Leiche eines Gardisten in die Knie ging, rebellierte sein Magen, doch er schaffte es, die aufsteigende Galle wieder hinunterzuschlucken.

Die Gelenke des Toten waren in einem unmöglichen Winkel geknickt und anstatt des linken Beines ragte ein blutender Stumpf aus der Rüstung.

Es war ausgeschlossen, dass er ihn nicht kannte, doch der Helm verbarg die Identität des Toten zuverlässig und Vin­cent überkam der Verdacht, dass dies sein eigentlicher Zweck war.

„Alles … in Ordnung?“, erklang eine sanfte Stimme und riss Vin­cent aus seinen Gedanken. Die Betonung der Worte klang falsch. Ein wenig, als würde sie singen.

„Ja, ich …“, begann Vin­cent, verstummte aber, als er aufsah.

Die Maske der Schattenjägerin lag wie ein enger Schal um ihren Hals und gab Vin­cent den Blick auf ihr Gesicht frei. Ein seltsames Gefühl von Vertrautheit durchzuckte ihn und er verlor sich in ihren rubinrot funkelnden Augen.

Spielte sein Gehirn ihm etwa einen Streich?

Sie legte den Kopf schief und Vin­cent realisierte, dass er sie zu lange angestarrt hatte. Betreten wandte er sich wieder dem Toten zu. Die Luminari ging neben ihm in die Hocke, legte dem gefallenen Gardisten eine Hand auf die Brust und schloss die Augen.

In der melodiösen Sprache der Luminari flüsterte sie: „Luminatis tua serenitas inveniat.“ Einen Moment verharrte sie regungslos, ehe sie sich wieder Vin­cent zuwandte und seinen Blick suchte. „Wann gedenkt ihr eurer Toten?“

Vin­cent öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Verdammt! Was war los mit ihm?

„Die Andacht findet am Abend statt, kurz nach Sonnenuntergang“, ertönte die Stimme des Offiziers hinter ihnen.

Vin­cent fühlte sich ertappt, als er zu ihm aufsah. Gunther hatte seinen Helm abgenommen und deutete mit dem Kopf eine leichte Verbeugung an, ehe er weitersprach: „Im Namen der Göttin danke ich Euch für Eure Unterstützung. Es wäre uns eine Ehre, würdet Ihr der Andacht beiwohnen.“

Die Luminari erhob sich und erwiderte die Geste. „Die Ehre ist ganz meinerseits.“

„Soldat Tenere, macht eine Pause“, sagte Gunther und legte eine Hand auf Vin­cents Schulter.

Wie kam es eigentlich, dass der Offizier all seine Gardisten trotz des Helmes zuverlässig erkannte? Dieses beunruhigende Talent hatte er schon öfter zur Schau gestellt.

Vin­cent sprang auf und salutierte. „Vielen Dank, Sir. Aber es geht schon wieder!“ Da war sie ja, seine Stimme. Dieses unnütze Ding.

Gunther nickte. „Und nehmt den verdammten Helm ab, sonst erleidet Ihr noch einen Hitzschlag!“ Dann wandte sich der Offizier wieder der Schattenjägerin zu und sprach mit den Worten der Luminari: „Thra me lyrin.“

„Ta“, erwiderte die Schattenjägerin, schenkte Vin­cent noch ein Lächeln und folgte dem Offizier in die Stadt.

Vin­cent sah ihr eine Sekunde nach, dann griff er nach seinem Helm und streifte ihn ab. Das schweißnasse Haar klebte an seiner Stirn. Er befestigte den Helm am Hüftgürtel und beugte sich erneut zum Gefallenen, umfasste seine Brust und zerrte ihn zum verbliebenen Karren.

Sein verletztes Bein pochte dumpf, doch er ignorierte den Schmerz. Später würde er das verdammte Schlachtfeld noch nach seinem Schwert und Schild absuchen müssen.

Lu­sci­nia

„Was führt Euch nach Aridia?“, fragte der Gardist, welcher die Schattenjägerin gebeten hatte, ihn zu begleiten. Lu­sci­nia hatte nicht damit gerechnet, dass ein Purtraier die Worte ihrer Heimat derart sorgsam zu formen wusste und ihr wurde klar, wie sehr sie es vermisst hatte, Luminarisca zu sprechen.

„Ich bin auf der Durchreise“, wich sie der Frage aus.

Der Gardist runzelte die Stirn. Seine Haut war von der Sonne ledrig gegerbt und feine Narben ließen ein langes Kriegerleben erahnen.

Ihr Blick fiel auf das Emblem der purtraischen Göttin, welches sich in einer silbernen Linie über den Brustharnisch des Kriegers zog. Nicht, dass sie bisher viele Gardisten getroffen hatte, doch seine Rüstung war in dieser Hinsicht einzigartig.

„Nicht viele Luminari bereisen das Festland. Besonders keine Schattenjäger.“ Sein Blick bohrte sich in ihren und Lu­sci­nia reckte das Kinn provokant nach oben. Er hatte recht. Ein Schattenjäger verließ Luminara nicht. Ihre Pflicht war es, Anima zu jagen und zu töten.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, zischte sie. Argwohn schärfte ihre Sinne und jeder noch so kleine Muskel spannte sich an. Würde er sie gefangen nehmen? Sie zurück nach Luminara schicken? Niemals würde sie kampflos aufgeben!

Die moosgrünen Augen des Gardisten richteten sich wieder auf die Straße. Er wirkte vollkommen entspannt und nichts legte den Verdacht nahe, dass er sie angreifen würde.

„Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten der Luminari ein. Ich war lediglich neugierig“, relativierte er seine Aussage.

Die Anspannung fiel von ihr ab und Lu­sci­nia lockerte die Schultern. Sie war nicht in Luminara. Die Treue der Menschen galt nicht der Königin. Sie war nicht in Gefahr.

Lu­sci­nia betrachtete die einfachen, aus Lehmziegeln gebauten Häuser, welche sich einem Spalier gleich an die breite Straße aus festgetrampeltem Staub drängten. Ab und an saß jemand unter den aus verblichenem Holz gezimmerten Vordächern im Schatten. Blauer Rauch stieg von einer kunstvoll gefertigten Pfeife auf, bis ein Mann kräftig am Mundstück saugte. Er legte den Kopf in den Nacken und blies Ringe in die Luft.

Eine Handvoll Kinder jagte einen aus braunem Leder geschnürten Ball an ihr vorbei. Fröhliches Lachen erfüllte die Atmosphäre. Es wirkte, als hätte es keine Schlacht gegeben, was Lu­sci­nia nicht weiter verwunderte. Für die Menschen in Calidara mussten die Überfälle der Anima zum alltäglichen Leben gehören. Genau wie für die Luminari.

Die Einheimischen trugen einfache, zweckmäßige Kleidung aus luftigen Stoffen, um ihre Körper vor Wind und Sonne zu schützen. Ocker, Sand und dunkles Olivgrün dominierten die Farbwahl.

Ein kleiner, rundlicher Mann, gekleidet in eine schwarze Robe, eilte ihnen entgegen. Im Arm trug er ein dickes Buch, auf dessen ebenso schwarzem Einband das silberne Emblem der Göttin prangte. Auch um seinen Hals hing das Zeichen an einer feingliedrigen, silbernen Kette. Eindeutig ein Priester.

„Oberster Offizier Siegwald!“ Hektisch begrüßte der Geistliche den Gardisten. „Ein Glück, dass ich Euch gefunden habe!“

Überrascht musterte Lu­sci­nia den Krieger. Siegwald? Etwa der Gunther Siegwald? Der Mann war eine lebende Legende. Jedes Kind kannte seine Geschichte, welche sich vor rund zwei Jahrzehnten zugetragen hatte: Siegwald führte als General eine gewaltige purtraische Streitmacht gegen Luminara. Drei Tage tobte die Schlacht auf der Vida Mira – einer tausend Meter langen und zwanzig Meter breiten Brücke, welche den Wüstenstaat Calidara mit der Insel Luminara seit über tausend Jahren verband.

Dann erhob sich der Schatten – Lumithrildevrath – aus dem Meer. Zuerst meinten die Purtraier, ihre Göttin habe die Geißel geschickt, um die Luminari endlich zu unterwerfen. Doch entgegen ihrer Erwartung, hauchten hunderte Gardisten ihr Leben aus.

Als wäre dieses Ereignis nicht schockierend genug, verwandelten sich die Toten in Anima und fielen ihren einstigen Verbündeten in den Rücken.

Abgeschnitten vom Festland und umringt von Feinden, erkannte Siegwald, dass dies eine Prüfung der Göttin sein musste. Siegwald verbündete sich mit den Luminari und gemeinsam gelang es ihnen, die dämonische Armee zu vernichten. Der General kam zu dem Schluss, dass die Göttin Frieden mit den Luminari wünschte, für welchen er sich beim obersten Kleriker einsetzte.

Jahrhunderte, geprägt von Hass und Feindschaft, abgelöst durch einen, zugegeben, misstrauisch aufgenommenen, aber stabilen Frieden.

„Was gibt es zu bereden, Eure Eminenz?“ Gunthers Kiefermuskulatur zuckte.

„Ich benötige dringend zusätzliche Gardisten, um …“, begann der Geistliche, stockte aber, als sein Blick Lu­sci­nia streifte. „Luminari …“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Der Name ihres Volkes klang aus seinem Mund wie eine ansteckende Krankheit, was nicht weiter verwunderlich war, denn laut den exitianischen Lehren galt es, alle Heiden zu bekehren oder zu vernichten, um die Prüfung ihrer Göttin zu bestehen. Friedliche Koexistenz stand also nicht gerade an oberster Stelle. Lu­sci­nia war sich sicher, dass ihr aktuelles Bündnis nur bestehen bliebe, bis alle anderen Völker von der Bildfläche gelöscht oder unterworfen waren. Was bedeutete, dass Luminara vermutlich noch ein, zwei Jahrhunderte in Frieden vor sich hin existieren konnte. Vorausgesetzt, Lumithrildevrath setzte dem nicht vorzeitig ein Ende.

Ein Stich fuhr durch Lu­sci­nias Herz, doch sie verdrängte das Gefühl von Scham und Schuld.

Der Offizier hob missbilligend eine Augenbraue und das Gesicht des Geistlichen verzerrte sich zu einer scheinheilig lächelnden Maske. „Wie ich sehe, habt Ihr eine Begleitung?“, säuselte er. Seine Stimme hatte mindestens eine Oktave an Höhe gewonnen.

„In der Tat“, bestätigte Gunther mit einem wohlwollenden Nicken. Die laienhaft verborgene Missgunst des Priesters beachtete er nicht weiter. „Dank …“ Er stockte. „Verzeiht, ich habe Euch noch nicht nach Euren Namen gefragt.“

Für einen Augenblick musterte Lu­sci­nia die beiden Männer. Der Offizier wirkte aufrichtig interessiert, während der Priester weiterhin dieses schreckliche Grinsen zur Schau stellte.

Es war also soweit. Drei Wochen hatte sie die Wahl eines Namens vor sich hergeschoben und nun reichte ein Wimpernschlag, um eine Entscheidung zu treffen.

„Luna Caelia“, sagte sie und ergänzte mit den Worten ihrer Heimat: „Ihr werdet gebraucht. Wir sehen uns gewiss bei der Andacht.“

Lu­sci­nia setzte ein besonders freundliches Lächeln auf, deutete eine Verbeugung an und schritt erhobenen Hauptes an ihnen vorbei. Der Priester schnappte entsetzt nach Luft, doch sie wandte sich nicht um. In dem Augenblick, als sie das Gefühl hatte, nicht weiter beachtet zu werden, entglitt ihr ein leiser Seufzer. Sie hatte es also getan und sich einen falschen Namen gegeben.

Die Straße wurde immer breiter und mündete schließlich in einen großen Platz. In regelmäßigen Abständen ragten hölzerne Pfosten aus dem Sand. Zerschlissene Leintücher waren darauf genagelt, wodurch sie willkommenen Schatten spendeten. Die Nomaden, mit denen Lu­sci­nia nach Aridia gekommen war, waren Händler, die nun emsig ihre Waren auf bunt gemusterten Decken ausbreiteten. Ein Hauch von exotischen Kräutern und Gewürzen lag in der Luft, während das ein oder andere lebhafte Verkaufsgespräch geführt wurde.

In der Mitte des Platzes stand ein einfacher Brunnen, mit einer gemauerten Tränke für Tiere. In flachen Steinplatten waren stählerne Ösen geschlagen und unter den daran festgebundenen Dromedaren befand sich ein goldblondes, das gierig aus dem Trog soff.

Lu­sci­nia schlenderte zu dem majestätischen Tier und strich ihm zärtlich über den Hals. Das Dromedar schwang den Körper leicht zur Seite und stupste sie mit der Schulter an.

„Noch bist du mich nicht los“, flüsterte Lu­sci­nia und ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Da seid Ihr ja. Sacra.“ Eine ältere Frau trat hinter den Tieren hervor und verbeugte sich vor Lu­sci­nia. Dabei verrutschte ihr Kopftuch und entblößte ergrautes Haar.

„Ihr sollt mich doch nicht so nennen, Zara.“

„Ihr werdet mit Sacra vorliebnehmen müssen, oder habt Ihr Euch endlich entschieden, wie ich Euch stattdessen nennen soll?“ Ihre sonnengelben Augen musterten sie belustigt.

„Luna. Nennt mich bitte Luna.“

„Ist das schon alles?“

„Caelia.“

„Luna Caelia also.“ Zara schmunzelte. „Der blinde Mond. Ein passender Name.“ Die Alte goss einen Eimer Wasser in den Trog.

„Lasst mich das machen“, sagte Lu­sci­nia und streckte die Hände nach dem Eimer aus.

Zara überließ ihr diesen und neigte den Kopf. „Morgen reisen wir nach Pyranthia“, sagte die Nomadin, ehe sie sich zu den Anderen gesellte.

Lu­sci­nia war dankbar, dass Zara sie in ihrer Karawane aufgenommen hatte, doch diese Frau war seltsam. Eimer um Eimer kippte Lu­sci­nia in den sich laufend leerenden Trog, bis die Tiere sich zufrieden auf den Boden legten.

Ein letztes Mal füllte Lu­sci­nia den Eimer mit Wasser. Es war beinahe so klar wie das Quellwasser ihrer Heimat. Nachdem sie getrunken und ihren Wasserschlauch aufgefüllt hatte, ließ sie sich mit dem Rücken an der steinernen Brunnenwand in den Sand sinken.

Die Reise hatte sie erschöpft. Leise schnaubte sie. Was heißt hier Reise? Es war eine Flucht gewesen. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken: Vermutlich war ihr falscher Name sinnbefreit, denn wenn überhaupt, würde er ihr Risiko eingeholt zu werden, nur minimal senken. Wie viele Luminari und ganz besonders Schattenjäger traf man schon außerhalb Luminaras?

Keine, das hatten Siegwalds Fragen klar gemacht. Sie war eine Rarität, die in jedem anderen Land, als dem ihren, herausstach. Sie könnte sich die Haare färben, aber die roten Iriden würden sie dennoch verraten.

Sollte sie ihre Rüstung ablegen? Aber was, oder besser gesagt wer, war sie dann noch? Lu­sci­nia schüttelte sich. Sie wollte doch nur leben. Richtig. Frei. Nicht einfach nur überleben.

Der Duft von Kiefernnadeln, Laub und Moos streichelte ihre Sinne. Ihre Haut kribbelte, und fast wäre Lu­sci­nia in Erinnerungen versunken. Stopp! Der Ruf hallte durch ihre wirren Gedanken und verbannte diese Erinnerung zurück, in den zerbrochenen Teil ihres Herzens, woraus sie hervorgekrochen war. Er hatte sich entschieden.

Sie legte die rechte Hand auf ihren linken Unterarm und verfluchte das Schicksal.

Alex­ander

„Was war das eigentlich vorhin da draußen?“, fragte Alex­ander belustigt und drehte den Helm in seinen Händen.

„Was meinst du?“, erwiderte Vin­cent mürrisch. Dabei wanderte seine rechte Augenbraue ein Stück höher.

„Du hast ja gar kein Wort rausgebracht.“

Wortkarg war Vin­cent immer schon gewesen, aber das Antlitz der Schattenjägerin hatte ihm offensichtlich die Sprache verschlagen. Sie war aber auch wirklich hübsch, soweit Alex­ander das von seiner Position aus hatte beurteilen können.

Vin­cent brummte. „Idiot.“

Alex­ander machte sich eine gedankliche Notiz, dass er mit dem Thema noch lange nicht fertig war und öffnete die Tür zum Quartier von Gunther Siegwald, ihrem Offizier.

Mit breitem Lächeln und einem Knicks signalisierte er Vin­cent, einzutreten. Sein bester Freund verdrehte die Augen und schritt ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

Ihr Offizier stand am Fenster, seine Haare noch nass vom Duschen, und blickte auf den großen Platz vor der Kaserne, wo Gardisten trockenes Holz zu einem Podest von gut zehn Schritt Durchmesser stapelten.

Statt seines Harnisches trug er ein edles schwarzes Hemd, auf dessen Rücken mit silbernem Garn das Emblem der Göttin gestickt war. Nichts im Vergleich zu den einfachen Hemden, welche Vin­cent und Alex­ander ihr Eigen nannten. Als Gunther sich seinem Besuch zuwandte, rümpfte er die Nase. Das Krie­cherblut, welches auf ihren schwarzen Rüstungen haftete, stank bestialisch nach verfaultem Fleisch. Seltsam, dass Alex­ander sich so an den Geruch gewöhnt hatte, dass er ihn kaum noch wahrnahm.

„Ihr habt uns rufen lassen, oberster Offizier Siegwald?“, ergriff Vin­cent das Wort, straffte die Schultern und salutierte vorbildlich. Zögerlich nahm auch Alex­ander Haltung an. Er war müde, wollte sich waschen und ins Bett. Die untergehende Sonne tauchte den Raum in warmes Orange. Alex­anders Blick streifte das breite Bücherregal, das beinahe überquoll.

„Tenere und Custos“, sagte Gunther und ließ sich auf einen mit schwarzem Samt bespannten Stuhl sinken. Wie bei der Garde üblich, war schwarz die dominante Farbe. Überhaupt war es die Farbe. Die Farbe der Göttin, die Farbe des Glaubens, die Farbe der Krieger und natürlich die Farbe des Todes.

Gunther deutete auf zwei kleinere Sessel, vor seinem aus dunklem Holz gezimmerten Schreibtisch: „Setzt euch doch.“

Alex­anders Körper verlor sofort an Spannung, als er sich auf den, zugegeben, für ihn etwas zu kleinen, aber dennoch sehr bequemen Stuhl setzte. Die Rückenlehne ächzte verdächtig, als er sich an sie schmiegte. Vin­cent nahm auf dem zweiten Stuhl Platz, behielt jedoch seine aufrechte Haltung bei. Beide blickten den Offizier erwartungsvoll an.

„Es ist also so weit“, murmelte Gunther. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte, verschränkte die Finger ineinander und stützte sein Kinn darauf ab. Nachdem er beide eine Weile gemustert hatte, seufzte er. „Ihr habt mir gut gedient. Seid ihr sicher, dass ihr nicht hierbleiben wollt? Ich würde es sehr begrüßen, besonders in Anbetracht unserer heutigen Verluste.“ Gunthers Aufmerksamkeit richtete sich auf Vin­cent.

„Nein, Sir.“

Der Offizier nickte und fischte eine graue Mappe zwischen den Unterlagen auf seinem Schreibtisch heraus. Er blätterte darin und warf sie dann auf den Schreibtisch zurück. „Die Front ruft noch, Tenere?“ Sein Blick bohrte sich in Vin­cents blaue Augen.

„Ja, Sir.“

Weitere Atemzüge vergingen, ehe das Blickduell endete und Gunther Vin­cents Entscheidung mit einem Nicken absegnete.

„Custos?“, fragte Gunther, als er sich Alex­ander zuwandte.

In Alex­anders Kopf riefen die Gedanken wild durcheinander: Nein! Bloß nicht an die Front! Krie­cher töten ist eine Sache, aber das sind Menschen! Was ist mit Vin­cent? Was machst du dir vor? Du bist kein Gardist! Er liebt dich nicht!

Alex­anders Augen zuckten zu seinem besten Freund. Ihr Offizier räusperte sich und eine seiner Augenbrauen hob sich mahnend. Wenn es nicht um den weiteren Verlauf seines Lebens gehen würde, hätte Alex­ander es lustig gefunden, wie ähnlich sich Gunther und Vin­cent waren.

„Nein, Sir. Ich gehe mit Tenere an die Front.“

Auch ihm blickte Gunther tief in die Augen. „Tatsächlich?“

Alex­anders Hände begannen zu schwitzen, doch er zwang sich zu nicken.

Endlich entließ ihn Gunthers Blick und Alex­ander entspannte sich. Die Stirn des Offiziers legte sich in Falten, als er sich erneut dem Stapel aus Unterlagen widmete. Alex­ander mochte sich irren, aber Gunther schien enttäuscht über ihre Entscheidung. Doch das ergab keinen Sinn, schließlich war ihr Offizier selbst ein bekannter Kriegsheld.

„Wie ihr wisst, obliegt es nicht mir, euch einem neuen Regiment zuzuweisen. Aber ich werde euch eine Empfehlung ausstellen“, sagte er schließlich, als er zwei Dokumente aus dem Stapel hervorzog und unterzeichnete.

Alex­ander starrte auf das Durcheinander, dass sich, einem kleinen Gebirge gleich, auf dem Schreibtisch ausbreitete. Irgendwo darin befanden sich gewiss auch Entlassungsschreiben und Bitten, sie in Aridia behalten zu dürfen. Ihr Offizier war stets auf jede Wendung vorbereitet. Nachdem er die Dokumente mit Wachs versiegelt hatte, überreichte er sie Vin­cent und Alex­ander.

„Meldet euch in der Hauptstadt bei der Truppeneinteilung.“

„Ja, Sir!“, antworteten Vin­cent und Alex­ander.

Mit leichtem Unbehagen dachte Alex­ander an die Frau, welche dieses Regiment als Strafe für Vin­cent und ihn ausgewählt hatte.

Gunther öffnete eine Schublade und holte zwei kleine Beutel heraus, die verführerisch klimperten, als er sie auf dem Tisch ablegte.

„Euer Sold“, erklärte Gunther, ehe er sich erhob und salutierte. Vin­cent und Alex­ander sprangen auf und taten es ihm gleich.

„Vielen Dank, Sir!“

„Ich werde die Truppenzuteilung über eure baldige Abreise unterrichten.“ Noch einmal rümpfte Gunther die Nase. „Und geht euch waschen. Gründlich!“

 „Ja, Sir!“

Alex­ander und Vin­cent schnappten sich je einen Beutel und verließen das Büro ihres Offiziers. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, atmete Alex­ander tief ein.

Vin­cent musterte ihn. „Du weißt, dass du mich nicht begleiten musst?“

Alex­ander zuckte mit den Schultern. „Klar.“

Vin­cents rechte Augenbraue hob sich, doch Alex­ander ignorierte seine ‚ich-glaub-dir-kein-Wort‘-Geste und drückte sich an ihm vorbei durch die Tür. Heiße, trockene Luft schlug ihm entgegen. Ein paar Gardisten drängten an ihnen vorbei und holten noch etwas Holz vom Lagerplatz.

 Inmitten des Hofes der Kaserne stand ein einfacher Brunnen. Daneben warteten rostige, zu schiefen Türmen gestapelte Eimer auf ihren Einsatz. Nacheinander ließen sie die Eimer in den Brunnen hinab und zogen sie randvoll gefüllt wieder herauf.

Aridia war, gleich den umliegenden Siedlungen, direkt auf einer Wasserader errichtet worden. Es versteckten sich etwa hundert dieser Brunnen in der Stadt, zumeist in ähnlichen Innenhöfen. Wer das nicht wusste, musste glauben, dass Wasser ein rares Gut in der Wüste war. Tatsächlich gab es, etwas Muskelkraft vorausgesetzt, keine Not.

Gemeinsam betraten Vin­cent und Alex­ander den Waschraum am Ende des Hofes. Modrige Luft, mit einem Hauch von menschlichen Ausscheidungen, schlug ihnen entgegen. Alex­ander brauchte etwas, bis seine Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, das durch die schmalen Lüftungsschlitze knapp unter der Decke in den Raum drang.

Die beiden Männer setzten sich auf eine abgegriffene hölzerne Bank in der Mitte des Raums. Alex­ander öffnete die Schnallen der aus schwarzem Metall geschmiedeten Rüstung und entkleidete sich. Entlang einer Wand befanden sich mehrere schwarze Löcher im Boden, darüber hing je eine hölzerne Kelle an einem Wandhaken. Die Löcher dienten einem ausgeklügelten Kanalisationssystem, welches das Schmutzwasser vom Trinkwasser trennte und in die Wüste leitete.

Wohin genau, wusste Alex­ander nicht. Er stellte sich über einen der Abflüsse, nahm sich die Kelle von der Wand und tauchte sie in den Eimer. Das kühle Wasser stach wie Nadeln, als es seine Haut hinunterlief. Wahrscheinlich war das Wasser gar nicht so kalt, aber auf Alex­anders glühender Haut fühlte es sich so an. Er wusch sich gründlich, denn die nächste Gelegenheit würde er frühestens in Pyranthia bekommen.

Anschließend setzte er sich auf die Bank und begann seine Ausrüstung zu säubern. Vin­cent stand noch auf einem der Waschplätze und Alex­ander beobachtete, wie das Wasser in feinen Rinnsalen über Vin­cents nackten Rücken lief. Die schwach gebräunte Haut spannte sich über seine sehnigen Muskeln, als er sich noch einmal zum Eimer bückte und die Kelle hineintauchte. Alex­ander schluckte.

„Wie kann man nach einem Jahr in der Wüste eigentlich so blass sein?“, stichelte er, um die aufsprudelnden Gedanken zu verscheuchen.

„Gefällt dir nicht, was du siehst?“ Vin­cent zog ein Augenlid nach unten. Waren sie unter sich, ließ er sich doch zur ein oder anderen kindischen Geste hinreißen, was Alex­ander ein Schmunzeln entlockte. „Du hättest deinen weißen Arsch mehr in die Sonne halten sollen. Dann würdest du auch so toll aussehen, wie ich.“ Alex­ander beugte seine Arme und spannte dabei die Muskeln an.

„Du bist wirklich ein Idiot“, lachte Vin­cent und kippte sich noch eine Kelle Wasser über den Kopf.

Alex­ander grinste und zwängte sich in die nasse Unterhose. Dann griff er nach seinen Sachen und verließ den Waschraum. Warme Luft umhüllte ihn. Die Hitze der Wüste würde seine Kleidung in kürzester Zeit trocknen.

Zeit, seine restlichen Habseligkeiten zu packen. Nicht, dass er besonders viel besaß, aber ein paar Dinge hatten sich doch angehäuft. Hoffentlich passte alles in seinen Beutel.

Lu­sci­nia

Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die ersten Sterne zeigten sich am Firmament. Die Verstorbenen ruhten, in schwarze Laken gehüllt, auf einem hölzernen Podest. Dies war die erste purtraische Trauerfeier, der Lu­sci­nia beiwohnte.

Ein edles schwarzes Banner wehte von der ebenfalls schwarz getünchten Kirche. In silbernen Linien prangte das Emblem der purtraischen Göttin darauf. Tatsächlich entsprach das Symbol dem der luminarischen Göttin. Abgesehen davon, dass die Farben ins Gegenteil verkehrt und die Form auf den Kopf gestellt war.

Lu­sci­nia ließ ihren Blick durch die Menge schweifen. An die zweihundert Menschen hatten sich auf dem Platz eingefunden. Im Getümmel entdeckte sie Zara und einen Teil ihrer Karawane. Vor der bröckeligen, einst gewiss ebenfalls nachtschwarzen Fassade der Kaserne stand Gunther Siegwald, umgeben von einer Gruppe Gardisten in voller Rüstung. Weitere Krieger flankierten das Podest, wie auch den Platz.

Ob der Gardist vom Schlachtfeld auch hier war? Sie ertappte sich dabei, nach ihm Ausschau zu halten. Doch es war zwecklos. Bis auf seine frostblauen Augen, welche aus dem schmalen Sehschlitz des Helmes herausgestochen hatten, hatte sie nichts von seinem Gesicht erkennen können.

Das Murmeln erstarb, als der Priester, welchen sie heute bereits kennenlernen durfte, das Podest betrat. Ohne die Menge zu begrüßen, begann er die Gefallenen zu segnen. Dabei legte er erst die Hand auf einen Leichnam, streckte sie dann gen Himmel und rief: „Die Göttin geleite dich in ihre Arme!“

Die Trauergäste wiederholten im Chor seine Worte.

Zwölfmal vollführte der Priester diesen Vorgang. Zwölfmal tat es ihm die Menge gleich.

„Lasst uns nun den Verstorbenen die Reise in den Schoß der Göttin erleichtern!“, rief er mit ausgebreiteten Armen. Kaum war er vom Podest geklettert, griff Offizier Siegwald nach einer Fackel und warf sie auf eben jenes. Binnen weniger Herzschläge schlugen die Flammen auf das trockene Holz über und bald stand der gesamte Altar in Brand.

Die Hitze war überwältigend und die Menge stimmte in einen schaurigen, dennoch tröstlichen Gesang ein. Lu­sci­nia starrte ins alles verzehrende Feuer, dessen Schein tanzende Schatten in die Gesichter der Trauernden warf.

Ein Windstoß fuhr in den Scheiterhaufen und beißender Rauch trieb ihr Tränen in die Augen und reizte ihre Lungen. Lu­sci­nia legte ihre Fingerkuppen aneinander und führte ihre Zeigefinger an die Lippen. Sie schloss die Lider und begann zu beten.

Mögen eure Seelen Frieden finden.

Luminati vera serenitas inveniat.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, hatte sich die Menge aufgelöst und der bauchige, aber noch nicht volle Mond stand hoch am Himmel. Wie lange hatte sie hier gestanden? Das Podest war zusammengebrochen und es stank nach verbranntem Fleisch.

Jetzt war ein guter Zeitpunkt. Lu­sci­nia griff in ihre Tasche und holte ein kristallenes Fläschchen, gerade so groß wie ihr Handteller, hervor. Sie ging in die Knie, tropfte das schwarze Blut in die schwach züngelnden Flammen und brachte ihre Hände erneut in Gebetshaltung.

„Und ich dachte schon, Ihr trinkt das jetzt“, wurde sie jäh unterbrochen.

Verärgert wirbelte Lu­sci­nia herum. Ein Mann lächelte sie verschmitzt an und entblößte dabei eine Reihe gerader, fast schon blendend weißer Zähne. Seine Augen musterten sie aufmerksam, während der orange Schein der Glut leuchtende Reflexe in sein gelocktes Haar zauberte. Obwohl er sie um fast zwei Köpfe überragte, war ihr, als stünde sie einem unschuldigen Kind gegenüber. Ihre Wut war augenblicklich verraucht und sie konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.

„Alex­ander, siehst du nicht, dass du störst?“

Lu­sci­nia erkannte die Stimme sofort.

Eine Hand legte sich auf die Schulter des Hünen und drückte ihn leicht zur Seite. Blaue Augen, so hell und klar, dass sie in der Dunkelheit leuchteten, fixierten sie, als wäre sie Wild, das es zu erlegen galt. Das rabenschwarze Haar fiel ihm locker in die Stirn. Es schien, als bestünde es aus purer Dunkelheit, die auch den letzten Funken Licht verschluckte.

„Ihr seid der Gardist vom Schlachtfeld. Wir haben kurz gesprochen“, stellte sie fest und musterte ihn eindringlich. Er war etwas kleiner als Alex­ander, aber nicht minder gut gebaut. Der strenge Blick bildete eine Einheit mit den hohen Wangenknochen und den scharf geschnittenen Gesichtszügen. Entlang seiner Kieferlinie konnte Lu­sci­nia vereinzelte Bartstoppel erkennen. Aber da war noch etwas anderes an ihm. Etwas, das sie nicht richtig greifen konnte.

„Nicht nur das!“, unterbrach Alex­ander ihre Gedanken und klopfte dem Schwarzhaarigen wie einem Kleinkind auf den Kopf. „Ihr habt nicht nur erfahren, wie eloquent Vin­cent es vermag, sich auszudrücken, sondern auch seinen hübschen Arsch vor den Krie­chern gerettet. Hat er sich überhaupt bei Euch bedankt?“, quasselte Alex­ander munter weiter.

Vin­cents Lippen zuckten, dann schüttelte er den Kopf. „Wieso rede ich überhaupt mit dir?“

Lu­sci­nia konnte nicht an sich halten und ihr entwich ein belustigtes Schnauben. Dann blickte sie noch einmal in Vin­cents hypnotisch leuchtende Augen. „Es freut mich, dass Ihr wohlauf seid.“

Da war es wieder, dieses Zucken um seine Lippen. „In einer Sache hat Alex­ander recht. Ich schulde Euch meinen Dank.“

Beide Männer trugen lockere, grauschwarz verwaschene Hemden ohne Kragen, braune raulederne Hosen und einfache lederne Stiefel. Lu­sci­nia runzelte die Stirn. Betrauerten sie gefallene Schattenjäger, erschienen die zurückgelassenen Jäger stets in der typischen Rüstung. Es war ein Zeichen des Respekts und des Zusammenhalts. „Tragen Gardisten zu solchen Anlässen nicht ihre Ausrüstung?“

„In unserer Freizeit? Nein“, antwortete Vin­cent.

„Außerdem dürfen freigestellte Gardisten keine Rüstung tragen“, fügte Alex­ander hinzu.

„Freigestellt?“

„Wir verlassen Regiment sieben und bis wir einem neuen Regiment zugeteilt werden und dort den Dienst antreten, sind wir freigestellt“, erklärte Alex­ander.

„Ihr verlasst Aridia?“, hakte Lu­sci­nia nach.

„Ja, wir reisen in die Hauptstadt“, sagte Alex­ander und zeigte Richtung Norden.

„Nach Veridia?“

Vin­cent nickte.

Veridia war die Hauptstadt von Verdea und damit auch die Hauptstadt der vereinten Reiche von Purtra. Die Stadt beherbergte allein mehr als doppelt so viele Einwohner wie ganz Luminara. Die Häuser sollen sich dicht aneinanderreihen und sich in mehreren Geschossen dem Himmel entgegenstrecken. Die schwarze Zitadelle der purtraischen Kirche soll sogar die Türme von Aethras Schloss in den Schatten stellen.

Sehnsucht versetzte ihr einen Stich. War es eigentlich vertretbar, dass sie sich wünschte, das heilige Zentrum des einstigen Feindes zu sehen? Lu­sci­nia presste die Lippen aufeinander. Verdiente eine Göttin, die sie mit solch einem Schicksal strafte, überhaupt ihre Treue?

„Aber vorher machen wir Halt in Montheria!“, riss Alex­ander sie aus ihren Gedanken.

„Du kannst dich erinnern, warum wir hier sind?“ Vin­cents rechte Augenbraue wanderte eine Ebene höher.

„Wir sind freigestellt? Also kann uns auch keiner zu Strafdienst verdonnern“, versuchte Alex­ander, seinen Freund zu überzeugen. Vin­cent verschränkte die Arme vor der Brust und brummte grimmig.

„Ach komm schon! Diesmal ganz offiziell! Wir könnten so viel Spaß haben! Und denk an das Preisgeld!“, sprudelten die Argumente nur so aus Alex­ander heraus.

Vin­cent verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen, dann trat er in den festgetrampelten Sand. „Na gut, vielleicht.“

„Ja!“ Der Große rieb sich die Hände. Seine Augen funkelten.

„Wovon sprecht ihr?“, fragte Lu­sci­nia neugierig.

Vin­cent wandte sich ihr zu. „In Montheria findet am Ende jeden Monats ein großes Kampfturnier statt.“

„Brot und Spiele für das Volk. Dem Gewinner winkt ein stattliches Preisgeld“, fügte Alex­ander hinzu.

Beim Wort Preisgeld kam sie ins Grübeln. Sie führte eine gute Summe mit sich, doch Lu­sci­nia hatte keine Ahnung, wie lange diese vorhalten würde. Sie musterte die beiden Gardisten noch einmal und rief sich die Bilder der heutigen Schlacht in Erinnerung: Vin­cent war ein geschickter Kämpfer, allerdings hatte ein wolfsartiges Anima ihn viel zu leicht überrascht und beinahe wäre er getötet worden. Alex­ander – der größte Mann unter den Gardisten, wodurch sie auch im Nachhinein sicher sagen konnte, welcher der gerüsteten Krieger er gewesen war – hatte einen überaus brachialen Stil.

Lu­sci­nia war eine schnelle und wendige Kämpferin, es wäre ein Leichtes, seine Verteidigung zu durchdringen und gewiss würde ihr das auch bei Vin­cent gelingen.

 „Was ist mit Euch? Aridia war doch gewiss nicht Euer Ziel?“, fragte Alex­ander.

„Ich bin nur auf der Durchreise“, antwortete sie knapp.

„Wohin?“, hakte Alex­ander nach.

Irgendwie imponierte ihr die direkte Art des Hünen, der sein Herz wohl auf der Zunge trug. Lu­sci­nia legte den Kopf schief und drückte einen Finger in ihre Wange. Sie hatte kein Ziel, auf das sie zulief. Nur Etwas, vor dem sie floh. „Wohin auch immer mein Weg mich führt“, antwortete sie wahrheitsgetreu. Hauptsache möglichst weit weg von Luminara.

„Wie poetisch.“ Vin­cent gab ein Geräusch von sich, das sowohl Schnauben als auch Glucksen sein konnte.

„Also eine Abenteurerin?“, fragte Alex­ander. Beim letzten Wort ging seine Stimme deutlich nach oben. „Ihr könntet uns begleiten! Wir kommen in Pyranthia vorbei, dann geht es über die Silberstraße nach Transperia, über die Berge nach Montheria und dann schließlich nach Veridia. Alles Orte, die man gesehen haben muss!“ Alex­anders Stimme überschlug sich bei der Aufzählung der Sehenswürdigkeiten auf ihrer Reiseroute.

„Ah…“ Lu­sci­nia brauchte einen Moment, um die Fülle an Informationen und die Frage zu verarbeiten. Sie waren Fremde füreinander, aber wenn sie schon denselben Weg einschlugen, konnten sie auch gemeinsam reisen.

„Alex­ander …“ Vin­cent schüttelte den Kopf, doch ehe er noch etwas sagen konnte, grätschte Lu­sci­nia dazwischen: „Ja, sehr gern.“

Vin­cents Mund klappte wiederholt auf und zu, was Lu­sci­nia unweigerlich an einen Karpfen erinnerte. Als er sich gefangen hatte, reichte er ihr die Hand. „Ich bin Vin­cent Tenere. Und der Idiot heißt Alex­ander Custos.“

Ohne noch einmal zu zögern, schlug sie ein. „Ich heiße Luna. Luna Caelia.“

Vin­cent

Luna Caelia, kostete Vin­cent ihren Namen in Gedanken aus, als er mit Alex­ander zurück zu den Unterkünften ging. Jede Silbe schmeckte nach einem Geheimnis, das er zu gern lüften würde. Einen Moment, nachdem sie ihren Namen verraten hatte, war er enttäuscht gewesen, denn er hatte wirklich geglaubt, jemand anderen vor sich zu haben.

Er verscheuchte die Erinnerung, wie eine vor seiner Nase herumschwirrende Fliege. Fest stand, dass sie morgen mit der Karawane aufbrechen würden, anstatt erst in einer Woche mit der Versorgungseinheit. Theoretisch hätten Alex­ander und er die verhältnismäßig kurze Reise nach Pyranthia auch zu zweit geschafft.

„Warum hast du sie gefragt?“, fragte er Alex­ander.

„Warum nicht?“

Vin­cents rechte Augenbraue wanderte eine Etage höher.

„Weil du sie nicht gefragt hättest?“, gab Alex­ander zu und zuckte mit den Schultern.

„Warum hätte ich sie fragen sollen?“

„Vielleicht, weil du sie ziemlich intensiv angestarrt hast?“

„Habe ich das?“

„Und wie.“

„Hm.“ Ja, das hatte er, da gab es nichts zu leugnen.

Vor ihrem Zimmer angekommen, drehte Alex­ander sich um und tippte Vin­cent auf die Stirn. „Ich würde zu gern wissen, was da drin vorgeht.“

„Nichts“, blaffte Vin­cent und rügte sich im nächsten Moment für die Vorlage, die er seinem Freund soeben geliefert hatte.

Dieser verkniff sich jedoch überraschender Weise einen dummen Spruch und schüttelte grinsend den Kopf. „Ich finde sie süß. Und wenn wir doch sowieso erstmal denselben Weg haben? Vielleicht ergibt sich da was?“

Vin­cents Lippen zuckten. „Idiot.“

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